Es tat Markby nicht Leid, dass sie ging, teilweise, weil sie immer noch im Stande war, ihm unter die Haut zu gehen und ihn dazu zu bringen, dass er Dinge tat und sagte, die er hinterher bedauerte, und zum anderen, weil er dringend den Schauplatz von Merediths Unfall untersuchen wollte, bevor irgendjemand dazwischenkam.

Die steinerne Ananas lag immer noch in fast symmetrischen Hälften in der Einfahrt. Markby beugte sich herab, um sie zu untersuchen, und vermied dabei die Abdrücke von Merediths Schuhen und die Stelle im Kies, wo die Steinskulptur aufgeprallt war. Die Bruchfläche war sauber und weiß und stand in starkem Kontrast zum verwitterten Äußeren, das dunkel war vom Alter und mit grünem Moos bedeckt.

Am liebsten hätte Markby die beiden Hälften herumgedreht, um die behauene Oberfläche genauer in Augenschein zu nehmen, doch damit hätte er die Spuren verwischt. Alles musste so bleiben, wie es war, bis die örtliche Polizei die Angelegenheit vor Ort gesehen hatte.

Rachel würde vehement protestieren, wenn sie erfuhr, dass er die Polizei benachrichtigen wollte, also würde er zuerst dort anrufen und sie hinterher informieren. Schließlich hatte sie angedeutet, dass er sich um diese Dinge kümmern sollte.

Auch ohne das zersprungene Gebilde zu berühren, stellte Markby fest, dass die Ananas oder auch nur eine Hälfte davon ein beträchtliches Gewicht besitzen musste. Sie hatte in einer Art Pokal oder Eierbecher geruht. Dieser Sockel besaß einen massiven Stamm und eine breite Basis, die oben auf dem Torpfosten einzementiert worden war. Doch die flache Unterseite des Sockels war morsch, und als Markby sie vorsichtig mit den Fingerspitzen betastete, zerbröselte sie sofort. Im Lauf der Jahre war Feuchtigkeit in das Material eingedrungen und hatte den Mörtel zersetzt, bis die Ananas nur noch von ihrem eigenen Gewicht gehalten aufrecht stehen geblieben war.

Doch gemeinsam mit diesem Gewicht hatten das Moos und der Schmutz, der sich angesammelt hatte, einen sehr effektiven Ersatz für den verrotteten Mörtel gebildet und hätten die Ananas noch lange in ihrer Position halten müssen, selbst nachdem Wetter und Zeit die ursprüngliche Unterlage völlig aufgelöst gehabt hätten. Es gab nicht den geringsten Grund, warum sie an diesem relativ windstillen Tag hätte herunterfallen sollen.

Markby hob den Blick zu der Stelle, von der die Ananas herabgefallen war, und von dort sah er zu dem ansehnlichen Loch, das sie bei ihrem Aufprall in den Kiesweg geschlagen hatte, höchstens einen Fuß von der Stelle entfernt, an der Meredith gestanden hatte. Kalte Wut stieg in Markby hoch. Wenn schon nichts anderes, dann lag grobe Fahrlässigkeit vor. Doch er ahnte bereits, dass mehr dahintersteckte, als es auf den ersten Blick schien. Meredith war Augenzeugin von Alex Constantines Ermordung gewesen, und solche Zeugen hatten im Allgemeinen keine zufälligen beinahe-tödlichen Unfälle.

Markby runzelte die Stirn und kniete sich erneut auf den Weg, ohne darauf zu achten, dass er seine Hose verschmutzte, um unter die gefallene Steinfrucht zu spähen. Um den Rand des Pokals, in dem sie geruht hatte, war das Moos in einer waagerechten Linie abgeschabt. Irgendetwas hatte die Patina abgeschliffen.

Markby erhob sich und bahnte sich einen Weg durch das Gestrüpp auf der Gartenseite der Trockenmauer. Es dauerte eine Weile, während er immer neue Äste beiseite schob und sich tiefer in das Unterholz hineinarbeitete, bis er den ersten Nagel entdeckte, der vielleicht sechs Zoll unterhalb des Abschlusssteins in eine Lücke zwischen zwei Feldsteinen geschlagen war. Es war ein dicker Zimmermannsnagel, gut sechs Zoll lang. Markby streckte die Hand danach aus und zog probehalber daran. Er saß ziemlich fest und war außerdem fast neu, ohne jeden Rost. Ein paar Fuß weiter, weiter vom Tor entfernt, fand Markby einen zweiten und schließlich noch einen dritten. An dieser Stelle reichte das Unterholz nicht ganz bis an die Mauer heran, sondern endete vielleicht einen Fuß davor, sodass auf diese Weise ein Pfad im Gestrüpp entstand.

Markby achtete sorgsam darauf, nicht auf den feuchten Untergrund aus vermodertem Laub zu treten. Jemand anderes hatte das bereits getan. Der Fußabdruck war nicht zu übersehen.

Markby wandte sich um und kehrte auf den Kiesweg zurück. Als er aus den Büschen trat, kauerte ein Neuankömmling über den herabgefallenen Steinhälften und wollte gerade eine davon aufheben.

»Lassen Sie das!«, rief Markby.

Der junge Mann in Jeans richtete sich auf. Der Gärtner, dachte Markby. Laut und scharf fügte er hinzu:

»Ich möchte, dass nichts angerührt wird!«

»Mrs. Constantine hat gesagt, ich soll die Einfahrt freiräumen, Sir!« Der junge Mann sah Markby feindselig an.

»Sie befürchtet, dass ein anderer Wagen dagegen fahren könnte.«

»Ich habe gesagt, Sie sollen die Steine liegen lassen! Sie können die Einfahrt meinetwegen morgen freiräumen. Und Sie werden auch sonst nichts anrühren. Bleiben Sie weg von diesem Gebüsch!« Markby deutete zu der Stelle, wo er aus dem Unterholz gekommen war.

»Das hier ist Mrs. Constantines Besitz, und ich gehorche ihren Wünschen!«, entgegnete der junge Gärtner mürrisch.

»Jetzt haben Sie meine Wünsche gehört, und ich bin Polizeibeamter!« Ein wenig sanfter fügte Markby hinzu:

»Hören Sie, mein Junge, ich selbst werde es Mrs. Constantine erklären, einverstanden?« Der junge Mann zuckte die Schultern.

»Wie Sie wünschen, Sir.«

»Sie könnten mir einen Gefallen tun und eine Leiter suchen. Stellen Sie sie einfach bei der Garage ab, wo wir sie später holen können.« Martin nickte und ging davon, ganz offensichtlich und empfindlich in seiner Würde getroffen. Es tat Markby Leid, dass er die Gefühle des Jungen verletzt und ihn daran gehindert hatte, seine Befehle auszuführen, doch daran ließ sich nichts ändern. Markby kehrte ins Haus zurück und wählte die Nummer der örtlichen Polizei. Er erklärte, wer er sei, und fragte dann:

»Wann wird Superintendent Hawkins erwartet? Ja, richtig. Könnten Sie ihm eine Nachricht von mir übermitteln? Sagen Sie ihm bitte, dass ich sofort nach seiner Ankunft mit ihm reden müsse, nach Möglichkeit, bevor er sich mit Malefis Abbey in Verbindung setzt. Ich wohne im Hotel. Hören Sie, haben Sie einen Ihrer Beamten zur Unterstützung von Superintendent Hawkins abgestellt?«

»Das macht Sergeant Weston, Sir«, kam die Stimme aus dem Hörer.

»Sehr gut. Könnten Sie Weston nach Malefis Abbey schicken?« Irgendwo im Haus wurde eine Tür geöffnet, und der Geruch von Braten stieg Markby in die Nase.

»Ich meine, nach dem Mittagessen«, fügte er hinzu. Es ergab wenig Sinn, Weston von seinem Mittagessen wegzuzerren. Außerdem würde es Rachel nicht gefallen, wenn sich Markby nicht bei Tisch zeigte und die Polizei noch vor dem Nachtisch im Park herumtrampelte.

Markby saß in einem sehr bequemen, sehr teuren Bambussessel in der Orangerie und trank Kaffee. Die Kanarienvögel flatterten und zwitscherten fröhlich in den Zweigen des gefangenen Orangenbaums, und im Hintergrund knackten die Rohre der alten Heizung. Es war eine äußerst behagliche Atmosphäre, wenn auch viel zu warm, geradezu stickig. Markby hatte am Vormittag eine lange Fahrt hinter sich gebracht und spürte, wie er allmählich schläfrig wurde. Der Duft der Orangenblüten wirkte auf seine Sinne wie ein Narkotikum.

Das Roastbeef war in der Tat ausgezeichnet gewesen. Meredith war trotz des Beinahe-Unglücks zum Essen erschienen, und Rachel hatte sich von ihrer allerbesten Seite gezeigt. Alles in allem, dachte Markby, scheinen die Dinge unter Kontrolle zu sein, abgesehen von dem alarmierenden Zwischenfall mit der steinernen Ananas. Zugegeben, Rachel war nicht gerade erfreut gewesen, als Markby ihr mitgeteilt hatte, dass Sergeant Weston in Kürze eintreffen würde, doch solange sie nicht mit ihm reden musste und alles Markby überlassen konnte, hatte sie keine stichhaltigen Einwände gegen die Anwesenheit des Polizisten auf ihrem Grund und Boden an einem Sonntag.

Markby unternahm bewusst Anstrengungen, seine schweifenden Gedanken zu sammeln.

»Das ist ein fantastischer Raum«, sagte er, während er die Kaffeetasse abstellte, und deutete auf die ihn umgebende Orangerie.

»Aber das schreit förmlich nach Pflanzen hier drinnen, Rachel! Du nutzt den Raum überhaupt nicht! Das hier wurde geschaffen, um Massen tropischer oder subtropischer Pflanzen aufzunehmen, nicht nur diese Vögel. Sieh nur, wie hoch die Decke ist! Hier drin sollten Palmen stehen! Es muss ein fantastischer Anblick gewesen sein, als die Orangerie noch voll genutzt wurde!«

»Alex hat sich nicht für Kakteen und Palmen und diese Dinge interessiert«, erwiderte Rachel.

»Nur für diese Kanarienvögel. Als wir eingezogen sind, standen Pflanzen hier drin, aber sie waren fast alle braun und vertrocknet. Ganz und gar kein fantastischer Anblick, glaub mir! Nur Chaos, weiter nichts. Alex konnte den Orangenbaum für die Vögel retten, aber den Rest haben wir in einem riesigen Freudenfeuer verbrannt.«

Markby konnte ein verzweifeltes Stöhnen nicht unterdrücken.

»Gott weiß, was ihr damit zerstört habt, Rachel! Wahrscheinlich eine viktorianische Sammlung seltener botanischer Spezies! Einige davon wären vielleicht noch zu retten gewesen. Und was für eine Verschwendung dieser wundervollen Konstruktion! Sieh dir diese schmiedeeisernen Streben und Pfeiler an! Das ist eines der großartigsten viktorianischen Glashäuser, die ich je gesehen habe! Ich wüsste ganz genau, was ich damit machen würde!« Er sah sich sehnsüchtig um, bis er Merediths Blick auffing.

»Aber das geht mich schließlich nichts an«, fügte er hastig hinzu.

»Ich hatte auch keinen Einfluss darauf«, murmelte Rachel.

»Es ist also zwecklos, mich deswegen anzuknurren. Ich habe die Voliere nicht gemacht. Seid ihr sicher, dass ihr keinen Likör mögt, alle beide nicht?«

Während Markby und Meredith noch dankend ablehnten, erschien Mrs. Pascoe in der Tür.

»Hier ist ein junger Polizeibeamter, der zu Ihnen möchte, Sir.«

»Das wird Sergeant Weston sein.« Erleichtert stand Markby auf.

»Ich werde gehen und mich um alles Weitere kümmern.« Rachel lächelte ihn strahlend an.

»Verstehst du jetzt, warum ich so froh bin darüber, dass du da bist, Alan? Du bist so tüchtig und nimmst die Dinge in die Hand!« Meredith sank in ihren Bambussessel und verzog das Gesicht. Vielleicht ist sie noch immer ein wenig fassungslos, dachte Markby, als er die beiden Frauen in der Orangerie zurückließ. Oder vielleicht ist sie auch ein klein wenig eifersüchtig. Er hoffte, dass sie eifersüchtig war.

KAPITEL 12

Sergeant Weston war ein stämmiger, stupsnasiger junger Mann mit einem blonden Bürstenhaarschnitt. Irgendetwas an ihm erinnerte Markby an Sergeant Pearce daheim in Bamford. Es war sicher nur Zufall, doch es erleichterte Markby den Umgang mit dem Beamten, und er spürte, wie er sich entspannte. Weston war offensichtlich beeindruckt von seiner Umgebung, doch er sank nicht vor Ehrfurcht in den Boden, wie Markby beifällig feststellte.

»Ziemlich beeindruckendes Haus«, beobachtete er.

»Ja, das ist es. Sie werden es noch häufiger zu Gesicht bekommen, wenn Sie mit Superintendent Hawkins arbeiten. Ich zeige Ihnen jetzt besser den Ort des Unfalls – falls es ein Unfall war.« Weston murmelte etwas von altem Gemäuer, das nicht sicher sei, doch als Markby ihm die steinerne Ananas und die Nägel in der Wand gezeigt hatte, änderte sich sein Verhalten. Er wurde aufmerksam und sachlich.

»Eindeutig arrangiert, das sieht man! Wer immer das getan hat, muss die Steinfrucht nach vorn geschoben und mit einem Stück Seil, das er um die Basis geschlungen hat, verhindert haben, dass sie herabfällt. Das Seil wurde über die Nägel nach hinten geführt und gesichert. Dann hat der Kerl im Gebüsch gewartet, bis alles bereit war, und hat die Sicherungsleine entfernt. Und runter kam der Stein! Das ist ein hübscher Fußabdruck dort hinten im Gestrüpp. Mit ein wenig Glück gehört er dem Kerl. Oder stammt er vielleicht von Ihnen, Sir?«

»Selbstverständlich nicht. Nehmen Sie einen Abdruck von meinem Schuh, um jeden Zweifel auszuschließen.«

»Die Sache ist die«, sinnierte Weston, während er zu dem leeren Sockel hinaufstarrte.

»Wer auch immer es war, er konnte nicht sicher sein, dass die Lady, Miss Mitchell, sich hier hinstellen und darauf warten würde, dass ihr der Stein auf den Kopf fällt!«

»Nein. Aber erstens wissen wir nicht, wem die Sache mit dem Stein galt. Vielleicht Miss Mitchell, vielleicht aber auch Mrs. Constantine. Und zweitens sollte er die betreffende Person vielleicht nur erschrecken, wissen Sie? Ein hässlicher Streich. Vielleicht sollte der Stein auf das Dach eines vorbeifahrenden Autos fallen, wer weiß?« Oder vielleicht, dachte Markby bei sich, ohne es laut auszusprechen, wusste, wer auch immer hinter dem Anschlag steckt, dass ich erwartet wurde. Vielleicht hat er darauf spekuliert, dass Meredith beim Tor auf mich warten würde, um mit mir zu reden, bevor ich das Haus betrete. Wenn es so war, dann ist der Täter gefährlich schlau. Aber Markby hatte von Anfang an vermutet, dass sie es mit einem sehr cleveren Täter zu tun hatten.

»Verdammt dumm!«, sagte Weston.

»Für einen Streich, meine ich. Unser Spaßvogel muss ein richtiger Idiot sein! Er hätte jemanden umbringen können!«

»Vielleicht hat er das billigend in Kauf genommen«, sagte Markby.

»Möglich, dass es ihm ganz recht gewesen wäre.« Er zögerte und fügte hinzu:

»Außerdem wissen wir nicht, ob es sich nicht vielleicht um eine Frau handelt.« Er hatte es nicht laut sagen wollen, doch nun war es heraus.

»Ah«, sagte Weston und verfiel eine Weile in Schweigen. Schließlich meinte er:

»Ich gehe jetzt besser und unterhalte mich mit der Lady, die den Unfall hatte. Das heißt, falls sie im Stande ist, Besuch zu empfangen.« Markby führte ihn zum Haus zurück und, in der Annahme, dass Meredith noch immer in dem großen Glashaus beim Kaffee saß, um das Gebäude herum durch einen Seiteneingang in die Orangerie. Meredith saß noch dort, doch Rachel war gegangen, worüber Markby insgeheim erleichtert war.

»Meine Güte!« Weston stieß einen leisen Pfiff aus, als er die Voliere sah.

»So etwas hab ich noch nie gesehen! Einfach fabelhaft!« Er ging zu dem Draht, der den gesamten Baum umspannte, und starrte die Kanarienvögel an, die in ihrer Voliere umherflatterten.

»Das dort sind zwei Eidechsen-Kanarien, dort oben.« Er deutete mit seinem kurzen, kräftigen Zeigefinger auf das Pärchen.

»Sie kennen sich mit Kanarienvögeln aus?«, fragte Meredith.

»Ich war immer sehr interessiert, aber ich hatte nie etwas wie das hier. Wir haben den Kindern einen Wellensittich gekauft«, sagte Weston.

»Aber das ist wohl nicht das Gleiche, oder?« Er wandte sich um und grinste.

»Wie fühlen Sie sich, Miss? Ziemlich böser Unfall, das.«

»Mir geht es prima, danke. Ich habe nur ein paar Kratzer davongetragen, das ist alles. Nichts Schlimmes. Ich hab ein merkwürdiges Geräusch gehört, das wohl von der schwankenden Ananas gekommen sein muss, kurz vor dem Herunterfallen, und ich glaube, ich bin instinktiv einen Schritt zur Seite gegangen, auch wenn ich nicht begriff, was da geschah. Nicht bewusst jedenfalls, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Weston zog sein Notizbuch hervor.

»Besser, wenn ich die ganze Geschichte notiere.«

»Ich lasse Sie dann alleine«, murmelte Markby.

»Sie brauchen mich wohl nicht mehr.« Er fand Rachel in der Eingangshalle beim Telefon, die Hand auf dem Hörer und die Stirn nachdenklich in Falten gelegt. Sie blickte auf, als sie ihn bemerkte, und die Falten verschwanden. Sie nahm die Hand vom Hörer.

»Ist der junge Mann gegangen? Ich hoffe, er kommt nicht wieder. Ich meine, Meredith ist schließlich nicht verletzt, und ich muss mich um Alex’ Begräbnis kümmern. Ich hoffe nur, diese Blumen sind in Ordnung.« Es ärgerte ihn, dass sie sich offensichtlich mehr um die Blumen sorgte als um die Tatsache, dass Meredith fast ein ernsthaftes Unglück widerfahren wäre.

»Sergeant Weston nimmt Merediths Aussage wegen des Vorfalls am Tor zu Protokoll«, sagte er laut.

»Ich denke, ich fahre jetzt zum Lynstone House Hotel und lade mein Gepäck aus. Ich bin dort angemeldet, und man wartet auf mich.«

»Sonntagabends bereitet Mrs. Pascoe in der Regel nur eine kleine kalte Mahlzeit vor«, wurde ihm beschieden.

»Wir essen gegen sieben.«

»Wartet nicht auf mich. Möglich, dass Superintendent Hawkins bis dahin aufgetaucht ist, deswegen kann ich nicht sagen, ob ich Zeit finde.«

»Ich will nicht, dass er heute hier vorbeikommt und mir den Abend verdirbt!« Rachels Augen funkelten aggressiv.

»Ich bezweifle, dass er das tun wird. Aber du solltest lieber damit rechnen, ihn morgen Früh vor der Tür stehen zu sehen.« Sie warf die Haare in den Nacken.

»Er könnte wenigstens bis nach der Beerdigung warten!« Ihr kam ein plötzlicher Gedanke.

»Ob er vorhat, an der Beerdigung teilzunehmen?«

»Ganz bestimmt sogar«, antwortete Markby.

»Es ist üblich, dass der ermittelnde Beamte das Begräbnis des … des Verstorbenen besucht.« Fast hätte Markby

»Mordopfer« gesagt.

»Schätze, es spielt keine Rolle«, sagte Rachel.

»Wir werden so wenige sein, dass es vielleicht sogar besser aussieht.« Ihre hübschen Gesichtszüge verzerrten sich zu einem Ausdruck der Trostlosigkeit, den Markby unerwartet rührend fand.

»Kopf hoch, Rachel«, sagte er.

»Bald ist es vorbei. Das Begräbnis, meine ich. Du wirst dich besser fühlen, wenn du es hinter dir hast.«

»Ja, sicher. Das habe ich auch zu Meredith gesagt. Also gut, Alan, wenn wir uns heute Abend nicht mehr sehen, dann eben morgen Früh.« Hinter ihnen erklangen Schritte, und beide wandten sich um.

»Ich bin’s nur«, sagte Meredith.

»Ich habe dem Sergeant meine Geschichte erzählt, und er ist gegangen. Habe ich richtig verstanden, dass du jetzt ebenfalls aufbrechen willst, Alan?«

»Ich will nur zum Hotel, mein Gepäck ins Zimmer bringen.«

»Prima, dann komme ich mit dir«, erbot sie sich.

»Der Fußweg zurück wird mir bestimmt gut tun.« Sie sah, dass er im Begriff stand, etwas dagegen einzuwenden, und fügte beharrlich hinzu:

»Ich muss hin und wieder einmal vor die Tür! Ich kann mich nicht für die restliche Zeit meines Besuchs im Haus verstecken, nur um zu verhindern, dass weitere Mauern auf mich fallen!«

»Das war nicht meine Schuld!«, sagte Rachel energisch.

»Das Haus wurde immer tipptopp in Schuss gehalten. Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum niemand bemerkt hat, dass sich dieser hässliche Tannenzapfen gelockert hat!«

»Ananas«, korrigierte Markby sie automatisch.

»Ich werde jedenfalls sicherstellen, dass Martin morgen wenigstens die andere neu einzementiert.« Sie zögerte.

»Ich frage mich, ob ich wegen dieser Sache meine Versicherung in Anspruch nehmen kann?«

Weston hatte das Grundstück noch nicht verlassen. Als Markby und Meredith durch das Tor fuhren, sahen sie den Sergeant auf einer Leiter stehen und den Zwilling des heruntergefallenen Objekts inspizieren. Markby bremste und öffnete die Tür.

»Ich fahre zum Hotel«, rief er.

»Ja, in Ordnung«, antwortete Weston von seinem Aussichtsposten herab und fügte hinzu:

»Diese hier ist auch ein wenig wacklig! Aber hier ist kein …« Er sah Meredith im Wagen und verkniff sich, was immer er sonst noch hatte sagen wollen.

»Hier ist sonst nichts zu sehen.«

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Meredith, als sie die Windmill Hill Lane hinunterfuhren.

»Was sollte denn sonst noch zu sehen gewesen sein?«

»Er sieht nur nach, das ist alles.«

»Du verschweigst mir doch nichts, Alan? Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«

»Alles zu seiner Zeit. Du hast nicht zufällig jemanden bei diesen Torpfosten herumlungern sehen? Irgendjemanden, der dir merkwürdig erschienen ist?« Zu seiner Überraschung sagte sie:

»Ja. In der ersten Nacht, nach meiner Ankunft hier. Aber niemand, der auf den Pfosten geklettert wäre und sich an der Ananas zu schaffen gemacht hätte, falls Sergeant Weston das meint! Aber ich habe jemanden gesehen, eine Frau, die spät an diesem Abend in der Auffahrt gestanden hat. Ich war bereits nach oben gegangen, um mich schlafen zu legen, und habe sie vom Fenster aus gesehen. Sie schien sich für das Haus zu interessieren. Ich habe Rachel davon erzählt, und sie meint, es könnte Mrs. Troughton gewesen sein.«

»Troughton? Ist das nicht der Inhaber des Hotels?«

»Das ist richtig. Er und seine Frau leben im gleichen Haus, aber sie gehen getrennte Wege. Ich habe sie noch nicht kennen gelernt. Rachel hat erzählt, dass sie manchmal spätabends noch unterwegs ist – und ein wenig exzentrisch ist. Sie scheint auch ziemlich heißblütig zu sein. Mavis im Hotel hat das auch gemeint und außerdem vermutet sie, dass Mrs. Troughton irgendwo aus dem Nahen Osten kommt. Falls das zutrifft, könnte es wichtig sein, meinst du nicht?«

»Möglich.« Markby dachte an etwas anderes.

»Getrennte Wege gehen und im gleichen Haus wohnen. Das haben Rachel und ich auch getan.«

»Ich möchte nicht, dass es bei uns so ist«, sagte Meredith leise.

»Es muss nicht so sein«, sagte er und blickte sie von der Seite her an.

»Aber es ist mehr als wahrscheinlich, dass es so endet.« Er vermutete, dass sie Recht hatte. Seine Arbeit bei der Polizei würde immer an erster Stelle kommen. Sie pendelte jeden Tag nach London. Ihr gegenwärtiges Arrangement war unter den gegebenen Umständen wahrscheinlich das Beste. Trotzdem wünschte er, es gäbe eine andere Lösung. Sie waren beim Lynstone House Hotel angekommen.

»Noch so ein Kasten!«, sagte Markby und betrachtete die überladene Fassade.

»Von der gleichen Familie erbaut«, sagte sie und fügte leiser hinzu:

»Das da ist Troughton!« Der Inhaber war im Eingang aufgetaucht. Er tanzte nervös auf der Stelle und verneigte sich. Seine flinken Äffchenaugen leuchteten.

»Superintendent Hawkins?«

»Nein, Chief Inspector Markby.«

»Falscher Mann, richtiger Beruf! Macht nichts. Kommen Sie herein! Ihr Zimmer ist bereit!« Troughton führte sie in das Hotel und die gewundene Treppe hinauf.

»Wenigstens bedeutet es«, murmelte Markby,

»dass Hawkins noch nicht eingetroffen ist und ich mich erst einmal hier einrichten kann.« Das Zimmer war geräumig mit einer hohen, reich verzierten Stuckdecke. Markby trat zum Fenster und blickte hinaus in die aufsteigende Dämmerung.

»Schönes Grundstück, aber ein wenig verwildert.«

»Warte nur, bis du einen richtigen Blick auf Rachels Park geworfen hast. Martin ist ein fantastischer Gärtner.«

»Ich glaube, ich habe Martin schon bei unserer ersten Begegnung gegen mich aufgebracht.« Er wandte sich um, lehnte sich gegen die Fensterbank und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Was sollte ich sonst noch wissen, das du mir bisher nicht erzählt hast?« Meredith zögerte. Er sah den inneren Widerstreit in ihren braunen Augen.

»Nichts«, sagte sie schließlich.

»Wirklich nichts.«

»Hawkins wird eine Menge mehr Fragen stellen als ich jetzt!« Das beunruhigte sie sichtlich.

»Vielleicht eine kleine Sache, die zum Problem werden könnte. Es ist nicht Rachels Schuld. Es gibt da einen jungen Mann namens Nevil, der sich heftig in sie verliebt hat. Möglich, dass es im Ort Gerede darüber gibt und dass es Hawkins zu Ohren kommt. Rachel sagt, Alex hätte davon gewusst und nichts dagegen einzuwenden gehabt, weil es harmlos war. Aber jetzt, wo Alex tot ist, könnte es natürlich … nun ja, Nevil könnte sich unrealistische Hoffnungen machen.« Markby runzelte die Stirn.

»Dann muss Rachel ihm den Laufpass geben.«

»Das versucht sie ja. Ich glaube, das ist der eigentliche Grund, aus dem sie dich und mich hergebeten hat.«

»Tatsächlich? Vielleicht ist es einer der Gründe, aus denen ich hier bin. Warum bist du wirklich hier?« Offensichtlich hatte Meredith nicht mit einer so direkten Frage gerechnet. Nichtsdestotrotz hielt sie seinem Blick stand.

»London, es spielt keine Rolle wer genau, hat mich gebeten, Erkundigungen wegen Alex einzuholen. Ich wollte es dir eigentlich nicht sagen, also bitte erzähl es niemandem weiter, ganz besonders nicht Hawkins!« Markby konnte seinen Unglauben und seine Missbilligung nicht verbergen.

»Was? Du hast dich von ihnen zu diesem … diesem Mantel-und-Degen-Mist überreden lassen? Du hast dich tatsächlich bereit erklärt, für sie zu arbeiten? Du musst übergeschnappt sein!«

»Nun, ich danke dir jedenfalls für dein Vertrauen! Nein, ich habe mich nicht zu irgendetwas überreden lassen. Man hat mich gefragt, und ich war einverstanden. Ich gebe zu, es wäre schwierig gewesen, mich zu weigern, aber ich hätte es tun können, und hätte ich Bedenken gehabt, hätte ich mich geweigert.« Ihr Mund, ihr Unterkiefer und ihre Augen hatten jenen störrischen Ausdruck angenommen, den er so gut kannte. Er hätte es dabei belassen sollen, doch er war ärgerlich und besorgt und konnte nicht anders, also sagte er:

»Vielleicht solltest du jetzt noch einmal darüber nachdenken! Jemand hat versucht, dir das Gehirn zu zerquetschen. Wenn Alex der meistgesuchte Mann der Welt war, soll es jemand anderer herausfinden!«

»Soweit ich es beurteilen kann, war Alex der beliebteste Mann der Welt! Oder vielleicht habe ich auch nur die falschen Leute befragt.« Sie legte eine Hand auf die Türklinke.

»Und es ist überhaupt nicht nötig, irgendetwas Böses in diesen Unfall hineinzuinterpretieren! Ich habe einen ziemlichen Schrecken bekommen, zugegeben. Aber ich schätze, dieses Steinding war einfach locker!«

»Nein. Irgendjemand hat eine Art Flaschenzug aus einem Seil und Nägeln zusammengebastelt!« Er hatte sein Ziel erreicht, sie zu schockieren.

»Das war etwas, was ich dir nicht sagen wollte, jedenfalls nicht heute Abend, wo du immer noch ein wenig durcheinander bist deswegen. Und erzähl um Himmels willen Rachel nichts davon!«

»Ich verstehe.« Wie es für sie typisch war, geriet sie auch jetzt nicht in Aufregung. Markby wartete, während sie über das Gehörte nachdachte. Schließlich sagte sie:

»Aber ich habe überhaupt nichts herausgefunden! Ich habe nichts weiter getan, als mich ganz normal mit Menschen zu unterhalten, und ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sich irgendjemand dadurch bedroht gefühlt hat!«

»Vielleicht hast du den richtigen Leuten die richtigen Fragen gestellt, ohne es selbst zu wissen.« Markby runzelte die Stirn.

»Vielleicht solltest du lieber nicht allein zu Fuß zurücklaufen. Ich denke, es ist besser, wenn ich mitkomme. Und morgen Früh wirst du als Erstes deinen Kontakt in London anrufen und ihm mitteilen, dass du ihm nicht weiter helfen kannst.« Diese letzte Anweisung war ein Fehler gewesen. Ihr Eigensinn erwachte wieder.

»Ich werde meine Entscheidung darüber selbst treffen, danke. Und ich kann sehr gut allein nach Malefis Abbey zurücklaufen. Es sind weniger als zehn Minuten, und es ist noch nicht dunkel.«

Meredith bereute ihren unangebrachten Stolz, sobald sie das Lynstone House Hotel verlassen hatte. Dämmerung und weit ausladende Baumkronen verwandelten die Auffahrt zum Hotel in einen finsteren Hohlweg. Die Schatten nahmen unheimliche Formen an, und sie bildete sich ein, Schritte oder verdächtiges Rascheln hinter sich oder zu beiden Seiten im Unterholz zu hören, während sie mitten auf dem Weg in Richtung Straße marschierte. Sie eilte weiter, und als sie an der Straße angekommen war, trat eine stämmige Gestalt durch das Tor und versperrte ihr den Weg.

Meredith stieß einen erschrockenen Laut aus, dann erkannte sie ihn.

»Sergeant Weston!«, rief sie mit unüberhörbarer Erleichterung.

»Er ist noch nicht da – Superintendent Hawkins, meine ich. Falls Sie wegen ihm hergekommen sind«, fügte sie hinzu.

»In diesem Fall – möchten Sie, dass ich Sie nach Hause begleite, Miss?«

»O ja, sehr gerne!« Sie fühlte sich getrieben, dem Sergeant zu erklären, warum sie so viel Wert auf seine Gesellschaft legte.

»Der Chief Inspector hat mir von den Nägeln und der Schnur erzählt«, sagte sie.

»Es war wohl eher ein Seil«, entgegnete Weston pedantisch.

»Eine Schnur wäre zu dünn gewesen. Wie dem auch sei, es ist verschwunden. Nur die Nägel sind noch da. Ich gestehe, ich bin überrascht, dass der Chief Inspector Ihnen davon erzählt hat.« In Westons Stimme lag deutlich Missbilligung.

»Machen Sie sich keine Sorgen mehr deswegen, Miss«, sagte er abschließend, als sie bei der Vordertür von Malefis Abbey angekommen waren.

»Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach um einen bösen Streich, und derjenige, der dahinter steckt, wird selbst einen heiligen Schrecken davongetragen haben. Er wird bestimmt nicht wieder so etwas versuchen.« Rachel war in der Orangerie. Sie stand vor der Voliere. Sie musste die Vögel aus dem Schlaf gerissen haben, als sie das elektrische Licht eingeschaltet hatte, denn einige flatterten mehr oder weniger orientierungslos von Ast zu Ast, während andere zusammengedrängt in den schattigen Bereichen des gefangenen Baumes Zuflucht suchten.

»Ich schätze, es wäre zwecklos, sie in die Freiheit zu entlassen«, sagte sie nachdenklich, als Meredith zu ihr trat.

»Die Kanarien? Sie wüssten überhaupt nicht, wie sie überleben sollten! Es wäre viel zu kalt für sie im Winter. Die anderen Vögel würden sie wahrscheinlich töten.«

»Wie grausam die Welt da draußen doch ist!« Rachel fuhr mit einem rot lackierten Fingernagel über das Drahtgeflecht der Voliere.

»Hier in ihrem Käfig sind die kleinen Kreaturen sicher. Gefangene, aber in Sicherheit. Der arme Alex hat sich in England sicher gefühlt.«

»Gab es eigentlich einen besonderen Grund dafür?«, fragte Meredith vorsichtig. Rachel zog die schmalen Schultern hoch.

»Er wurde im Libanon geboren. Dann ging er nach Zypern, weil er Angst hatte, von einer der vielen Banden gekidnappt und nur gegen Lösegeld wieder freigelassen oder vielleicht sogar mit einer Autobombe in die Luft gejagt zu werden! Kannst du dir vorstellen, wie es sein muss, Tag für Tag in solcher Gefahr zu leben? Nie zu wissen, ob sie hinter dir her sind, immer Vorsichtsmaßnahmen ergreifen zu müssen, bevor du einen Schritt vor die Tür machst, ständig Leibwächter um dich herum zu haben? Alex hat Lynstone geliebt, weil es so ein friedlicher Ort war und nie etwas passiert ist. Er nannte es ›die Stille der englischen Landschaft‹.« Sie wandte sich um und blickte Meredith direkt in die Augen.

»Ich weiß, warum dieser schreckliche Hawkins herkommt. Er glaubt, jemand aus Lynstone wäre für Alex’ Tod verantwortlich. Aber das ist einfach lächerlich! Warum sollte irgendjemand hier Alex umbringen wollen? Ihr alle glaubt, ich wüsste den Grund, stimmt’s? Du, Alan und der Superintendent. Aber ich weiß ihn nicht. Ich weiß ihn wirklich nicht!«

Es war ein langer Tag gewesen, und im Augenblick gab es nichts zu tun. Als Meredith gegangen war, legte sich Markby auf das Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und überdachte die wenigen Informationen, die er bisher zusammengetragen hatte. Doch die Schläfrigkeit vom frühen Nachmittag kehrte zurück, und er nickte ein. Er wurde von einem gebieterischen zweimaligen Klopfen an der Tür geweckt. Markby ruckte zu schnell vom Bett hoch und war einen Augenblick lang verwirrt. Im Zimmer herrschte inzwischen Dunkelheit. Die gleiche ungeduldige Person klopfte erneut, diesmal in einer raschen Folge.

»Einen Augenblick bitte!«, rief Markby, während er mit der Hand suchend nach dem Schalter für die Nachttischlampe tastete.

Er öffnete seine Zimmertür und fand Hawkins draußen im Gang. Der Superintendent marschierte an Markby vorbei ins Zimmer und wandte sich in aggressiver Haltung mitten im Raum zu ihm um.

»Was haben Sie hier zu suchen, Chief Inspector?«

»Ich bin zur Beerdigung hergekommen«, sagte Markby hastig.

»Die Beerdigung findet erst am Dienstag statt!«

»Sicher. Ich helfe meiner Exfrau bei den Vorbereitungen.«

»Ich weiß genau, was Sie denken!« Hawkins rückte mit ausgestrecktem knochigen Zeigefinger gegen Markby vor.

»Sie denken, wer auch immer Constantine das Licht ausgeknipst hat, kommt aus Lynstone. Rein zufällig denke ich genau das Gleiche, aber das ist noch lange kein Grund sich einzubilden, Sie könnten mit mir an diesem Fall arbeiten! Ich werde keinerlei Einmischung in meine Ermittlungen dulden!«

»Es liegt nicht in meiner Absicht, mich in Ihre Ermittlungen einzumischen, Sir! Mein Besuch hier ist rein privat.«

»Also werden Sie nach Bamford zurückfahren, sobald die Beerdigung am Dienstag vorbei ist?«

»Nein, nicht notwendigerweise. Ich habe Mrs. Constantine gesagt, ich würde ein paar Tage bleiben. Miss Mitchell ist ebenfalls hier.« Hawkins gehörte nicht zu der Sorte Leute, die lange um den heißen Brei herumredeten.

»Ich will Sie nicht hier haben! Ich will Sie nicht in den Füßen haben! Ich will nicht, dass Sie herumschnüffeln! Wie ich höre, haben Sie bereits Sergeant Weston für sich mit Beschlag belegt?«

»So würde ich es nicht nennen. Ich habe ihn zu mir gebeten, und ich hatte einen triftigen Grund dafür. Ich wollte, dass sich jemand die Torpfosten und die Mauer von Malefis Abbey ansieht, bevor es dunkel wird. Ich habe nach Weston gefragt, weil er Ihnen zugeteilt ist und Ihnen Bericht erstatten kann. Ich denke, ich habe mich korrekt verhalten … Sir!«, fügte er hinzu.

»Sie bewegen sich hart an der Grenze, Markby, allein durch Ihre Anwesenheit. Sie sind ein wichtiger Zeuge. Selbst wenn ich Ihre Hilfe wollte, was ich nicht will, könnte ich Sie nicht darum bitten!«

»Ich habe Urlaub genommen, um herzukommen«, sagte Markby halsstarrig.

»Soweit es mich betrifft, bin ich tatsächlich im Urlaub, und was ich in meiner Freizeit mache, ist meine eigene Sache. Ich bin auf Mrs. Constantines Bitten hergekommen. Ich habe die Absicht zu bleiben, ganz besonders, da Miss Mitchell offensichtlich in Gefahr schwebt.«

»Sie soll ihre Nase ebenfalls aus der Sache heraushalten!«, entgegnete Hawkins verdrossen.

»Ich schätze, sie hat den falschen Leuten dumme Fragen gestellt, und das ist der Grund, warum irgendein Geselle versucht hat, ihr mit einem Steinbrocken das Gehirn aus dem Schädel zu quetschen. Ich werde keinerlei Einmischung dulden, Markby!« Hawkins rückte erneut gegen Markby vor.

»Ich werde nicht dulden, dass es zu einem weiteren Toten kommt und der Fall noch komplizierter wird, als er ohnehin schon ist!«

»Keine Angst«, entgegnete Markby fest.

»Dafür werde ich schon selbst sorgen.« Doch wie es der Zufall so wollte, waren beide zu optimistisch.

KAPITEL 13

Mrs. James legte den Telefonhörer auf die Gabel und bedachte ihn mit einem verdrießlichen Blick. Dann kehrte sie in die Küche zurück, wo Nevil gerade sein Frühstück beendete. Er blickte zu ihr auf, doch er fragte nicht, wer der Anrufer gewesen sei, und strich weiter Butter auf eine Scheibe Toast. Seine Mutter ließ sich schwer ihm gegenüber auf einen Stuhl fallen und legte die von Arbeit verhärmten Hände auf den Tisch.

»Mavis«, informierte sie ihn. Nevil biss in seinen Toast und brummte missmutig, als Krümel über sein Kinn regneten.

»Sie sind hier, alle beide.« Als Nevil immer noch nicht antwortete, fügte sie ärgerlich hinzu:

»Die beiden Bullen! Sie wohnen im Hotel. Nun sag endlich etwas, um Himmels willen! Sitz nicht einfach da und kau auf deinem Toast herum wie ein verdammtes Eichhörnchen!« Nevil schluckte.

»Was soll ich denn deiner Meinung nach sagen, Ma?«

»Das weiß ich doch nicht! Aber sitz nicht so herum und tu, als würde dich das alles nicht interessieren! Vergiss nicht, dass sie sich vielleicht für dich interessieren könnten! Halt dich von Malefis Abbey fern, Nevil!«

»Das hätte ich sowieso getan!« Er verengte die Augen hinter den dicken Brillengläsern.

»Ich kann nicht zu ihr, solange sie diese Meredith bei sich zu Besuch hat!«

»Und nachdem diese Mitchell wieder abgereist ist, bleibst du weiter von ihr weg!« Mrs. James drehte den Deckel auf das Marmeladenglas.

»Ich muss schon sagen, diese Meredith scheint mir eine recht vernünftige Person zu sein. Nicht von der hohlköpfigen Sorte, die ich bei einer Freundin von Rachel erwartet hätte. Ich bin sicher, sie hat in Wirklichkeit einen anderen Grund für ihr Hiersein. Bestimmt ist sie nicht nur gekommen, um Rachel die Schulter zu tätscheln. Warum schnüffelt sie hier herum? Und was ist mit diesem Exehemann, der rein zufällig ebenfalls ein Bulle ist? Was können sie hier wollen? Der arme Bursche wurde in London abserviert, nicht hier!« Nevil schob seinen Teller von sich.

»Ich weiß es nicht, Ma. Warum fragst du mich das?« Als sie ihn düster anfunkelte, weil ihr sein abfälliger Ton nicht gefiel, fuhr er fort:

»Nur weil du Rachel nicht magst, heißt das noch lange nicht, dass andere genauso über sie denken! Vielleicht ist es dir nicht aufgefallen, aber ziemlich viele Leute mögen Rachel ziemlich gern!«

»Männer!«, giftete Nevils Mutter.

»Nicht nur Männer! Es gibt überhaupt keinen Grund, warum Rachel nicht auch Freundinnen haben sollte! Zugegeben, diese Meredith ist vielleicht nicht der Typ, den ich erwartet hätte, und was diesen Markby angeht, wenn er wirklich früher mit Rachel verheiratet war …« Nevil lief dunkelrot an, und auf seinem Gesicht zeigten sich wenig attraktive Flecken.

»Nun, er hat jedenfalls nicht das Recht, hier herumzuhängen und sie zu belästigen! Ich wünschte, sie würden dahin verschwinden, wo sie hergekommen sind! Rachel braucht sie nicht! Sie hat mich!« Seine Augen funkelten die Mutter herausfordernd an. Beißend erwiderte sie:

»Die Leute mochten Alex, nicht Rachel. Nur du mochtest Alex nicht, stimmt’s? Und die Polizei wird es herausfinden!«

»Na und? Warum hätte ich ihn mögen sollen? Er war immer so verdammt hochnäsig, wenn er mit mir geredet hat! Manchmal hätte ich schwören können, dass er sich über mich lustig macht!«

»Das hat er wahrscheinlich getan!«, entgegnete sie schonungslos.

»Er hat gesehen, wie du dich von seiner Frau zum Narren hast machen lassen! Bestimmt haben beide zusammen hinter deinem Rücken über dich gelacht!« Wie schon einige Male zuvor, so wusste sie auch diesmal gleich, dass sie zu weit gegangen war. Er antwortete nicht, doch in seinem Gesicht regte sich ohnmächtige, unterdrückte Wut, die ihn plötzlich wie einen Fremden aussehen ließ, jemanden, den sie nicht kannte und dem sie nicht vertrauen durfte. Es versetzte sie in Angst und erfüllte sie mit schrecklichen, namenlosen Zweifeln. Sie seufzte schwer.

»Du würdest mich nicht anlügen, nicht wahr, Nevil?« Er antwortete immer noch nicht, und sie murmelte:

»Nein, vermutlich nicht. Ich weiß es nicht. Aber ich beginne mich zu fragen, ob ich dich tatsächlich so gut kenne, wie ich immer geglaubt habe.« In ihr regte sich ein konfuser Impuls, ihm zu sagen, wie sehr sie ihn liebte und wie verzweifelt sie zu verhindern trachtete, dass jemand ihn verletzte. Ihn unglücklich zu sehen, verursachte ihr körperliche Schmerzen. Der Gedanke, dass er vielleicht sogar in Gefahr schwebte, versetzte sie in helle Panik. Sie wollte losstürzen und ihn verteidigen. Doch zwischen ihnen war eine unsichtbare Mauer, wenn es um emotionale Dinge ging. Sie hatte niemals über Gefühlsdinge mit ihrem Sohn gesprochen, nicht einmal, als er ein kleiner Junge gewesen war. Heute war es zu spät, um noch damit anzufangen, selbst wenn sie gewusst hätte, wie sie es anfangen musste. Sie versicherte sich, dass Nevil bestimmt wusste, wie tief ihre Liebe zu ihm war. Er musste es einfach wissen. Er konnte doch nicht übersehen, wie weit ihre Loyalität zu ihm ging! Molly schob ihren Stuhl zurück und stand auf.

»Ich gehe zu den Zwingern.« Als sie weg war, räumte Nevil den Tisch ab, stapelte das Geschirr im Spülbecken und stellte Butter und Milch in den Kühlschrank. Er wusch nicht ab, weil es irgendwie zur Gewohnheit geworden war, dass Gillian nach ihrer Frühstückspause alle benutzten Becher und Teller abspülte. Sowohl Nevil als auch seine Mutter behaupteten, auf diese Weise ließe sich heißes Wasser sparen, doch beide wussten, dass es symptomatisch für ihr Verhalten Gillian gegenüber war. Ihr Instinkt sagte ihnen, dass Gillian zu der Sorte Menschen gehörte, die stets hinter den anderen herräumten, also ließen sie ihr alles stehen, und wenn sich deswegen hin und wieder einmal Schuldgefühle in ihnen regten, so unterdrückten sie diese gekonnt. Außerdem hatte Nevil etwas anderes zu tun, während er allein im Haus war. Er ging zum Telefon und wählte.

»Ich bin es«, sagte er auf die Art und Weise, wie es Leute tun, die wissen, dass man ihre Stimme erkennt.

»Hör zu, es wird alles viel zu kompliziert. Ich muss mit dir reden!« Die Stimme am anderen Ende antwortete blechern.

»Das ist mir egal!« Nevils Stimme wurde laut.

»Ich muss dich sehen! Du weißt, warum! Ja, ich weiß, die Polizei ist hier, aber es ist mir egal! Das ist es, warum ich dich sehen und mit dir reden muss! Ich …« Nevil zögerte, dann fuhr er rau fort:

»Ich habe Angst.«

Markby und Hawkins frühstückten an benachbarten Tischen. Sie nickten sich höflich zu und schwiegen ansonsten. Wie zwei alte Matronen, dachte Markby amüsiert.

Später sah er, wie Hawkins das Hotel zu Fuß verließ, wahrscheinlich auf dem Weg nach Malefis Abbey. Zehn Minuten später brach Markby in die gleiche Richtung auf. Doch er beabsichtigte nicht, sich im Haus zu zeigen. Er wollte sich den Park ansehen und falls möglich eine Unterhaltung mit Martin führen, dem Gärtner.

Er erhielt die Gelegenheit früher, als er erwartet hätte. Als er beim Tor ankam, fand er eine Leiter an dem Pfosten, auf dem die verbliebene, intakte Ananas ruhte. Auf der Leiter war Martin damit beschäftigt, die Ananas neu einzuzementieren, damit sie sich nicht plötzlich lösen konnte wie ihr Gegenstück.

»Hat die Polizei Ihnen genehmigt, diese Arbeiten durchzuführen?«, rief Markby nach oben. Martin blickte verkniffen zu ihm herunter.

»Der Superintendent hat ja gesagt. Mrs. Constantine befürchtet, sie könnte auf jemanden fallen und ein rechtliches Problem verursachen. Man hat mir gesagt, dass ich den anderen Pfosten nicht anrühren darf. Außerdem ist die andere Ananas zerbrochen.«

»In Ordnung. Ich denke, ich werde mich ein wenig im Park umsehen, falls niemand Einwände dagegen hat.«

»Selbstverständlich«, sagte Martin gleichmütig.

»Miss Mitchell hat mir berichtet, es wäre eine fantastische Anlage.«

»Ich bin ausgebildeter Gärtner!« Martin ließ sich nicht von Schmeicheleien umgarnen.

»Ich habe ein Diplom!«

»Sehr schön. Ich überlasse Sie jetzt Ihrer Arbeit.« Markby spazierte weiter. Die Franzosen mochten für ihren Charme berühmt sein, doch wenn sie sich erst einmal entschlossen hatten, unliebenswürdig zu sein, dann konnte nichts in der Welt sie wieder umstimmen. Der Park war tatsächlich ein Gedicht. Vielleicht hatte Martin Recht, empfindlich zu reagieren. Markby spazierte umher und spürte, wie in ihm Neid und Schwermut erwachten, weil die Chancen mehr als schlecht standen, dass er jemals so viel Zeit für seinen Garten würde erübrigen können. Vielleicht hatte er den falschen Beruf gewählt. Er hätte Gartenbau studieren sollen, wie Martin. Zurückblickend konnte er nicht einmal sagen, warum er es nicht getan hatte. Außer dass ihm damals nie der Gedanke gekommen war, sein Hobby zum Beruf zu machen. An der am weitesten vom Haus entfernten Stelle, wo der Park an freies Feld angrenzte, gab es einen kleinen verwilderten Bereich, der nur wohlerwogen in diesem Zustand belassen worden sein konnte. Markby sah einen kleinen Teich mit Binsen dahinter, und ganz in der Nähe stand eine hölzerne Bank. Er setzte sich darauf und verbrachte eine angenehme halbe Stunde damit, die Vögel und die Eichhörnchen zu beobachten. Die Sonne schien an diesem Morgen, und obwohl es noch früh war und die Luft noch kühl, reichten ihre warmen Strahlen an dieser geschützten Stelle aus, um alle Sorgen schmelzen zu lassen. Markby hob das Gesicht und schloss die Augen. Er spürte einen eigenartigen inneren Frieden an diesem Ort. Schritte näherten sich, und Markby öffnete die Augen. Martin hatte seine Reparaturen beendet und stand nun in einiger Entfernung von Markby. Er hatte Markby offensichtlich beobachtet, und als er sah, dass Markby die Augen öffnete, sagte er:

»Mr. Constantine hat gerne auf dieser Bank gesessen.«

»Das kann ich gut verstehen«, antwortete Markby.

»Sie sind gut mit ihm ausgekommen, nicht wahr?«

»Selbstverständlich. Jeder kam gut mit ihm aus. Er war immer sehr freundlich zu mir.«

»Herzlichen Glückwunsch übrigens zu diesem Garten. Es ist bestimmt einer der schönsten nicht-öffentlichen Parks, die ich je gesehen habe.«

»Danke sehr.« Martin taute ein wenig auf und lächelte. Doch bevor Markby aus den verbesserten Beziehungen Profit schlagen konnte, wurden sie gestört. Sie hörten ein Husten. Martin drehte den Kopf. Markby sah an ihm vorbei und stellte fest, dass sich eine dritte Person näherte. Es war Superintendent Hawkins, der über das feuchte Gras auf sie zukam, tiefes Misstrauen in den verkniffenen Gesichtszügen.

»Ich möchte mich mit Ihnen unterhalten«, sagte er zu Martin.

»Jawohl, Sir.« Martin erwiderte seinen Blick hölzern. Hawkins sah zu Markby.

»Nicht hier. Gehen Sie zur Garage zurück. Ich komme gleich nach.« Als Martin gegangen war, wandte Hawkins seine Aufmerksamkeit wieder Markby zu.

»Sonnenbad?«, fragte er sarkastisch.

»Etwas in der Art, ja. Ich habe die Gartenanlage bewundert.«

»Ich hasse alle verdammten Gärten!«, sagte Hawkins mit überraschender Heftigkeit.

»Als ich ein Junge war, hatte mein alter Herr einen Schrebergarten. Wir haben sämtliche Samstage mit Unkrautrupfen und Jäten und Gießen und dem ganzen Rest verbracht. Wenn wir uns weigerten, hat er uns kein Taschengeld gegeben. Er ließ uns tatsächlich für unser Taschengeld arbeiten! Er war ganz wild aufs Umgraben. Haben Sie das schon mal gemacht? Eine Tortur, kann ich Ihnen sagen! Es hat mir für den Rest meines Lebens die Freude am Garten verleidet!«

»Das ist sehr schade.« Hawkins zuckte die Schultern und ging zu dem Tümpel. Er spähte in die grauen Tiefen.

»Vielleicht sind ja Molche hier drin«, meinte er. Markby erkannte in dem schnellen Themenwechsel die Überraschungstaktik wieder, die er selbst häufig genug angewandt hatte.

»Dieser Gärtner, besitzt er irgendwelche Informationen, die interessant sein könnten?«, fuhr Hawkins fort.

»Sie haben uns gestört!«, entgegnete Markby recht schroff.

»Noch zehn Minuten, und er hätte möglicherweise angefangen zu reden.«

»Meinen Sie, er weiß etwas über seinen ehemaligen Arbeitgeber, das wir noch nicht wissen?«

»Martin war sehr dankbar, dass Constantine ihm den Job gegeben hat. Er beschreibt ihn als freundlichen, guten Menschen. Ich glaube nicht, dass Sie aus Martin auch nur ein Wort herausbringen, das ein schlechtes Licht auf den Verstorbenen wirft.«

»Oh, er war verdammt beliebt, schon gut«, brummte Hawkins.

»Wir haben gründlich gegraben, aber falls irgendwo Dreck ist, müssen wir ihn noch finden. Spendete großzügig den Wohlfahrtseinrichtungen, ein ehrlicher Geschäftsmann, glücklich verheiratet. Eine richtige Stütze der Gesellschaft! Hören Sie auf, jeder hat irgendwo eine Leiche im Keller! Falls Constantine eine hat, dann ist die Kellertür versperrt, und ich kann den Schlüssel nicht finden!« Hawkins zögerte.

»Die Constantines hatten keine Kinder, und es gibt Hinweise darauf, dass Mrs. Constantine möglicherweise gerne ein Auge riskiert hat. Falls dem so ist, scheint ihr Mann jedenfalls nichts dagegen gehabt zu haben. Vielleicht bietet sich hier eine Spur.«

»Ein alberner Flirt, mehr nicht«, murmelte Markby.

»Was war das?« Hawkins wandte den Kopf auf dem langen dünnen Hals und erinnerte Markby an eine Schildkröte.

»Ich denke, sie hat sich viel zu wohl gefühlt in ihrer Ehe, als dass sie riskiert hätte, das Boot zum Schaukeln zu bringen.« Markby deutete auf die Gärten und das Haus.

»Sehen Sie selbst, was sie zu verlieren hatte.«

»Ich brauche eine verdammte Spur!«, entgegnete Hawkins gereizt.

»Haben Sie nichts Besseres zu bieten?«

»Er hat seinen Namen geändert. Ich glaube immer noch, er hat versucht, mir etwas darüber zu sagen, kurz bevor er starb. Warum war das für ihn so verdammt wichtig?«

»Wir haben uns mit den zypriotischen Behörden in Verbindung gesetzt, doch es gibt keinerlei Hinweise, dass er seinen Namen aus anderen als aus geschäftlichen Gründen geändert haben könnte. Anfragen im Libanon sind vollkommen unmöglich angesichts der Unruhen und des Tumults in den vergangenen Jahren. Setzen Sie es auf die Liste der Dinge, die wir nicht wissen.« Hawkins verdrehte die Augen himmelwärts.

»Ich habe seine Frau gefragt. Sie hat zugegeben, von seiner Namensänderung zu wissen, doch das war lange, bevor sie sich kennen gelernt haben. Sie kann sich nicht einmal an seinen früheren Namen erinnern. Ich nannte ihn ihr, und sie hat mich aus großen grünen Augen angestarrt und gesagt: ›O ja, so hieß er, Superintendent! Aber warum fragen Sie mich, wenn Sie es schon wissen?‹«, äffte Hawkins Rachel nach.

»Ich weiß nicht, ob sie einfach dumm ist, verschlagen oder mich für unverschämt hält. Sie behandelt mich von oben herab, wenn ich mit ihr rede, als wäre ich ein Leibeigener!« Ha!, dachte Markby nicht ohne Schadenfreude. Rachel hat Hawkins also ohne Probleme in seine Schranken gewiesen. Und jetzt meint er, ich könnte es vielleicht besser. Deswegen ist er plötzlich so freundlich. Dieses dumme Gequatsche von Molchen und Gartenarbeit, pah! Mit kunstvoller Gleichgültigkeit fuhr Hawkins fort:

»Sie hat Ihnen gegenüber nicht rein zufällig etwas erwähnt, nehme ich an? Sie muss mehr wissen, als sie zugibt! Warum verschweigt sie es? Das ist es, was ich zu gerne wissen möchte!« Markby wollte sich nicht in die Rolle von Rachels Verteidiger drängen lassen, doch er hatte das Gefühl, Hawkins an die Tatsache erinnern zu müssen, dass Rachel gerade erst ihren Mann verloren hatte.

»Unter den gegebenen Umständen kann man wohl nicht verlangen, dass sie auf jede Frage eine Antwort liefert. Morgen findet die Beerdigung statt. Es wird eine ziemlich schwere Prüfung für sie werden.«

»Oh, sicher, vermutlich haben Sie Recht. Haben Sie eine schwarze Krawatte mit?« Hawkins seufzte.

»Ich habe meine extra eingepackt. Ich wünschte, ich bekäme einen Fünfer für jedes Begräbnis, dem ich beiwohnen muss. Für jedes Mordopfer, jeden Schurken, der auf den letzten Weg geschickt wird. Ich habe mehr Särge in der Erde oder in den Öfen von Krematorien verschwinden sehen, als ich zählen kann! Einmal habe ich sogar eine Seebestattung besucht! Die See war rau, und das Boot schwankte und schlingerte. Fast wäre der Pastor über Bord gegangen, und die Witwe wurde seekrank. Aber so ist das eben mit der Pflicht. Ich werde gehen und sehen, was ich aus dem Franzmann herausholen kann.« Hawkins bedachte den verwilderten Flecken mit einem abschätzigen Blick.

»Der Garten ist ja ganz hübsch, aber das hier scheinen sie übersehen zu haben. Eigenartige Stelle für eine Gartenbank, finden Sie nicht? Inmitten von all diesem Unkraut?«

»Es nennt sich Naturgarten.«

»Ich dachte immer, Naturgarten hätte was mit Nudisten zu tun«, sagte Hawkins. Er verzog das Gesicht zu einer eigenartigen Grimasse, und Markby erkannte ein wenig verspätet, dass es ein Grinsen war. Hawkins hatte doch tatsächlich einen Scherz gemacht.

Meredith hatte Wort gehalten und war in die Stadt gefahren, um nachzusehen, ob das Blumenarrangement so war wie bestellt. Reine Zeitverschwendung, dachte sie, weil Floristen im Allgemeinen sehr zuverlässig arbeiten, wenn es um Beerdigungen geht. Doch es würde Rachel beruhigen, und außerdem war Meredith froh, für eine Weile von Lynstone wegzukommen, insbesondere, wenn es bedeutete, dass sie diesem Hawkins nicht begegnen musste. Darüber hinaus erhielt sie endlich Gelegenheit, in London einen Zwischenbericht abzuliefern, ohne befürchten zu müssen, dass jemand ihr Gespräch mit Foster mithörte. Alans Zorn darüber, dass sie sich einverstanden erklärt hatte, für Fosters Abteilung zu schnüffeln, nagte immer noch an ihr – insbesondere, weil sie das Gefühl hatte, dass dieser Zorn nicht unbegründet war. Sie hätte spätestens nach Fosters beiläufiger Beschreibung der Umstände misstrauisch werden und sich entschieden weigern müssen, die Rolle des Trojanischen Pferdes zu spielen. Ein eingeschlagener Schädel war eine verdammt miese Belohnung für jemanden, der die schmutzige Arbeit anderer erledigte.

Wie es der Zufall wollte, förderte der Besuch bei der Floristin eine überraschende Tatsache ans Licht. Das Begräbnis von Alex würde keinesfalls die kleine, private Feier werden, die Rachel erwähnt hatte. Die Floristin versicherte Meredith, dass die Blumen von Malefis ›zusammen mit all den anderen‹ rechtzeitig an den Bestattungsunternehmer ausgeliefert werden würden.

»Mit all den anderen? Wie vielen anderen?«

»Oh, es sind schon einige! Ein Dutzend wenigstens. Noch immer rufen Leute an und bestellen Kränze für das Constantine-Begräbnis.« Nachdenklich verließ Meredith den Laden und suchte nach einem öffentlichen Telefon. Sie fühlte sich unbehaglich und schutzlos in der Telefonzelle, während sie Fosters Nummer eintippte. Es schien, als würde jeder, der vorbeiging, in das kleine Häuschen spähen, um zu sehen, wer dort telefonierte. Doch das war nur Einbildung. Sie hatte ihre Nerven weniger unter Kontrolle, als ihr lieb war.

»Oh, Meredith! Wie kommen Sie zurecht dort unten?«, erkundigte sich Foster freundlich.

»Den Umständen entsprechend, wie die Redensart so schön sagt. Die Beerdigung findet morgen statt. Familienangehörige haben sich nicht angekündigt, doch ich glaube, dass eine ganze Reihe anderer Leute auftauchen wird.«

»Halten Sie einfach nur die Augen offen. Auch wenn es im Augenblick danach aussieht, als wäre Constantine ein unbeschriebenes Blatt.« Er stieß ein zischendes Geräusch aus.

»Nun ja, es war sowieso nie mehr als eine vage Vermutung.«

»Eine Sache wäre da noch. Möglich, dass jemand glaubt, ich wäre zu neugierig. Am Sonntagmorgen wäre ich fast von einer alten Ananas aus Stein erschlagen worden.« Auf der anderen Seite herrschte Schweigen. Dann fragte Foster:

»Wie bitte? Ich glaube, ich habe Sie nicht richtig verstanden.«

»Eine Steinananas. Eine Skulptur auf einem von diesen alten Torpfosten.« Sie meinte, ein Schnauben und unterdrücktes Lachen zu hören und rief ärgerlich:

»Es war überhaupt nicht lustig! Jemand hat die Ananas mit Hilfe eines Seiles so manipuliert, dass sie mir fast auf den Kopf gefallen wäre!« Diesmal dauerte das Schweigen auf der anderen Seite länger.

»Ich verstehe.« Fosters Tonfall hatte sich geändert.

»Hören Sie, dass Sie verletzt werden, ist das Letzte, was wir wollen! Nach der Beerdigung packen Sie Ihre Sachen und verschwinden einfach von dort!«

»Möglicherweise wird das nicht ganz so einfach. Superintendent Hawkins ist hier, und ich bin eigentlich ziemlich sicher, dass Mrs. Constantine von mir erwartet, dass ich bleibe, bis der Beamte von Scotland Yard wieder abgereist ist.«

»Passen Sie auf sich auf.« Foster klang besorgt. Und völlig zu Recht!, dachte Meredith nachtragend, als sie die Telefonzelle verließ. Sie wanderte durch die Stadt, betrachtete Schaufensterauslagen und zögerte den Augenblick hinaus, an dem sie wieder nach Lynstone zurückmusste. Im Fenster eines Delikatessengeschäfts stand eine Reihe von Tonschüsseln mit den verschiedensten Pasteten von jenseits des Ärmelkanals. Sie hatte von Rachel erfahren, dass die Trauergäste im Anschluss an die Beerdigung zu einem kalten Büfett im Haus eingeladen werden sollten. Vielleicht war ein Beitrag dazu nicht verkehrt. Einer Laune folgend betrat Meredith das Geschäft und kaufte eine ganze Gänseleberpastete. Die Pastete befand sich in einer weißen Schale mit matten blauen Blättern und senffarbenen Blüten, die mit grober Hand darauf gemalt waren. Der Inhalt sah sehr vielversprechend aus, dekoriert mit zwei großen roten Beeren und zwei dunkelgrünen Lorbeerblättern unter glänzendem Aspik. Auf dem Rückweg nach Lynstone fiel ihr ein, dass Mrs. Pascoe wahrscheinlich verletzt reagieren und eine ganze Schale Pastete als stille Kritik an ihren Kochkünsten betrachten würde. Doch da Meredith die Schale kaum auf ihrem Zimmer aufbewahren konnte, musste sie die Pastete wohl oder übel aushändigen. In Malefis Abbey angekommen, trottete Meredith mit der Schale in der Hand in die Küche und murmelte verlegen:

»Ich dachte, das hier wäre vielleicht ganz nützlich.«

»Danke sehr, Miss Mitchell«, sagte Mrs. Pascoe steif.

»Ich mache sie eigentlich immer selbst. Aber ich stelle sie in den Kühlschrank. Falls es knapp wird, kommt sie möglicherweise ganz gelegen.« Die Betonung des Wortes

»möglicherweise« verriet Meredith, dass Mrs. Pascoe genau wie befürchtet reagierte und beleidigt war. Sie murmelte eine weitere zusammenhanglose Entschuldigung und begann sich aus der Küche zurückzuziehen. In der Tür hatte sie den rettenden Einfall.

»Ich hab sie eigentlich nur wegen der Schale gekauft.«

»Tatsächlich?« Mrs. Pascoe betrachtete die Schale mit einem Ausdruck von gelinder Überraschung. Die Schale war nicht einmal hübsch; grobes Steinzeug mit einer stümperhaften Bemalung in langweiligen Farben und mit schlechter Glasur.

»Na schön, dann hebe ich die Schale für Sie auf.«

»Ich dachte bei mir, sie wäre genau das Richtige, um im nächsten Winter Hyazinthen darin zu pflanzen«, beharrte Meredith. Erstaunlich, was der menschliche Verstand unter großem Druck alles aus seinen Tiefen hervorzaubern konnte.

KAPITEL 14

Der Dienstag begann hell und freundlich. Eine warme Frühlingssonne schien herab, als sie hinter der glänzenden schwarzen Limousine des Bestattungsunternehmens herfuhren, um Alex Constantine auf einem englischen Landfriedhof zur letzten Ruhe zu geleiten. Rachel war die einer Modezeitschrift entflohene Eleganz in Schwarz. Trauerklamotten vom Designer, dachte Meredith wenig freundlich und wurde augenblicklich von Schuldgefühlen heimgesucht. Meredith betrachtete sich selbst zweifelnd im Garderobenspiegel. Ein marineblauer Rock und ein dazu passender Blazer waren die dunkelste Kleidung, die sie mitgebracht hatte. Es musste reichen. In ihrer Zeit als Konsulin, als der Besuch von Beerdigungen und Gedächtnisfeiern Teil ihrer Arbeit gewesen war, hatte sie stets einen schwarzen Mantel und einen schwarzen Hut dabeigehabt. Doch der Mantel war längst auf einen Flohmarkt gewandert, und sie besaß keinen Hut mehr. Die sanfte Brise fing sich in ihrem Haar und brachte respektlos ihre Frisur durcheinander. Ein Kopftuch kam wohl kaum in Frage. Alan hingegen trug einen Hut, einen breitkrempigen, weichen Hut. Meredith hätte ihrer Bestürzung fast laut Luft gemacht, als sie es sah. Er kam zusammen mit Superintendent Hawkins vom Hotel herüber, um sich dem Leichenzug anzuschließen. Beide waren gekleidet, wie sich Polizisten nach Merediths Einschätzung für Beerdigungen eben anzogen, dunkle Anzüge, schwarze Krawatten und Hüte. Für sie gehörte es ebenfalls zur Arbeit. Meredith empfand ihr Erscheinungsbild als beunruhigend. Sie sahen aus wie königliche Beamte oder Gerichtsdiener. Am Eingang zum Friedhof hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt. Meredith nahm an, dass es sich um neugierige Dorfbewohner handelte; unter ihnen bemerkte sie George Nasebys Gehilfin. Das Sonnenlicht glitzerte auf ihrem goldenen Nasenstecker, und ihr Mund stand leicht offen. Sie pflückte ununterbrochen Strähnen ihres vom Wind zerzausten krausen Haars aus den Augen. Meredith fragte sich, wer in der Zwischenzeit an der Kasse im Mini-Mart stand. Vielleicht hatte das Mädchen den Laden einfach abgeschlossen und war für zehn Minuten hergekommen, um zu sehen, was hier geschah. In Church Lynstone gab es sonst nicht viel zu sehen. Wie sich herausstellte, war eine Person erschienen, die nicht im Dorf wohnte. Als sie ihre Plätze hinter dem Sarg einnahmen, erschien ein Mann mittleren Alters hinter einem Grabstein und schoss rasch ein Foto. Dann kletterte er über die niedrige Mauer, stieg auf ein Motorrad, das Meredith bis zu diesem Augenblick nicht bemerkt hatte, setzte sich einen Sturzhelm auf und donnerte über die Straße davon. Alles ging so schnell, dass keiner rechtzeitig reagierte, um es zu verhindern. Wütend murmelte Markby:

»Die Presse! Ich wünschte, ich hätte ihn rechtzeitig bemerkt.«

»Keine Sorge«, sagte der weltgewandte Hawkins.

»Es war doch nur einer. Der Ärger fängt erst an, wenn sie in Rudeln jagen.«

»Tut mir wirklich Leid«, flüsterte Meredith Rachel zu.

»Spielt keine Rolle«, entgegnete Rachel hart.

»Er ist ja weg.« Meredith fragte sich, ob sie den Fotografen gemeint hatte oder Alex. Die Sargträger setzten sich mit ihrer Last in Bewegung, und Rachel folgte ihnen in Richtung Kircheneingang, während sich die Dorfbewohner zu beiden Seiten in respektvolle Entfernung zurückzogen, um den Sarg und die Trauergäste passieren zu lassen. Das Innere der Kirche war viel hübscher, als Meredith von dem kurzen Blick durchs Fenster in Erinnerung hatte. Betkissen ließen vermuten, dass der Frauenverein hart gearbeitet hatte. Viele fleißige Hände hatten die Messingstatuen an den Wänden poliert, bis sie wie Gold glänzten. Der Küster spielte seine Orgel unsichtbar und leise auf seiner Empore. Rachel, Meredith und Markby nahmen nebeneinander in der ersten Reihe Platz als die

»Familie« des Verstorbenen. Meredith empfand mehr Mitgefühl für Rachel denn je seit Alex’ Tod. Eine ehemalige Schulfreundin und ein Exehemann waren nur ein schwacher Ersatz für eine Schar von Verwandten. Markby hatte den Hut in der Kirche abgesetzt und auf die Bank zwischen sich und Meredith gelegt. Sie musste an Tristan denken, der sein Schwert zwischen sich und die schlafende Isolde gelegt hatte. Ein Symbol, dazu gedacht zu täuschen. Sie blickte verstohlen über die Schulter. Die kleine Kirche füllte sich rasch. Sie erkannte die beiden älteren Männer aus der Hotelbar, jeder nun in Begleitung einer dicken Ehefrau. Es gab mehrere andere Paare ähnlicher Erscheinungsform. Das müssen die Nachbarn sein, dachte Meredith, die in den anderen großen, abgeschiedenen, getrennt voneinander stehenden Häusern von Lynstone wohnen. Auch Troughton war da, begleitet von Mavis Tyrrell, die einen abgetragenen schwarzen Mantel anhatte und einen glänzenden schwarzen Strohhut auf dem Kopf. Die schwer zu fassende Mrs. Troughton war nicht aufgetaucht. Schade eigentlich, weil Meredith zu gerne herausgefunden hätte, ob sie die fremde Frau war, die sie am Abend ihrer Ankunft in der Auffahrt gesehen hatte. Allerdings war eine unbekannte junge Frau mit schulterlangem rötlichen Haar und einer grünen Jacke erschienen, und wie es aussah, war sie allein. Meredith fragte sich, wer sie war. Während Meredith noch zu ihr hinüberblickte, kam Nevil James zur Tür herein und nahm irgendwo hinten Platz. Er bemerkte Merediths Blick und erwiderte ihn herausfordernd. Meredith sah wieder nach vorn. Es würde interessant werden herauszufinden, ob der junge Nevil auch den Nerv besaß, sich nach der Beerdigung in Malefis Abbey beim Leichenschmaus zu zeigen. Ein Hauch von Parfüm drang an Merediths Nase. Rachel hatte ein Taschentuch hervorgezogen. Alan legte der Witwe in einer Geste, die ihn wahrscheinlich genauso sehr überraschte wie jeden anderen Anwesenden auch, den Arm um die Schultern und murmelte tröstend:

»Halt durch, Rachel. Es ist bald vorbei.«

Sie ließen den kurzen Gottesdienst über sich ergehen und sangen Henry Francis Lytes Abide with Me, die sicherlich traurigste Kirchenhymne, die je geschrieben worden war.

Hinterher, draußen auf dem Friedhof, versammelten sie sich vor dem frisch ausgehobenen Grab, um auf den Sarg zu warten. Der Erdhügel neben dem Grab war mit einer Matte bedeckt, die aussah wie Gras. Sehr grün und sehr künstlich. All die Kränze und Blumengebinde, wegen derer sich Rachel sosehr gesorgt hatte, waren wie bestellt eingetroffen, und das Blumengeschäft hatte sich große Mühe gegeben. Das Gesteck der Witwe hatte bereits in der Kirche auf dem Sarg gelegen. Es bestand aus roten Rosen und Nelken mit Büscheln aus goldgerändertem schwarzen Band, vielleicht nicht nach dem Geschmack aller Leute, vermutete Meredith, doch bestimmt ganz im Sinne des verstorbenen Alex Constantine.

Der Vikar, ein dünner, glatzköpfiger, farbloser Mann, unterhielt sich in gedämpftem Tonfall mit Rachel. In seiner Totenrede hatte er sehr begeistert über die Tugenden des Verstorbenen gesprochen. Alex hatte, so schien es, großzügig für den Fonds zur Renovierung des Kirchturms gespendet. Foster hatte erwähnt, dass Alex große Summen für wohltätige Zwecke ausgegeben hatte. Es war ein scharfsinniger Schachzug gewesen, auch in Lynstone für die gute Sache zu spenden. Sicher war die Spende äußerst dankbar angenommen worden.

Meredith bewegte sich in den Hintergrund der kleinen Menge und fand sich unvermittelt neben Mavis Tyrrell wieder.

»So ein schöner Tag«, flüsterte Mavis so laut, dass es ringsum deutlich zu hören war. Und fügte dann ohne jede Spur von Ironie hinzu:

»Zu schade, dass der arme Mr. Constantine nicht hier sein kann, um ihn zu genießen.« Sie schnäuzte sich lautstark. Er war da, wenigstens was seine sterbliche Hülle betraf. Die Sargträger waren angekommen. Sie entfernten die Rosen vom Sarg und stellten sie neben das Grab. Während sie den Sarg mühsam in das Grab hinabließen, neigte dieser sich zur Seite, und ein Sonnenstrahl fiel auf die Messingplakette an der Seite. Meredith dachte über den Namen auf dieser Plakette nach. Niemand hatte bisher eine befriedigende Erklärung gefunden, warum Georges Wahid es für notwendig erachtet hatte, seinen Namen in Alex Constantine zu ändern. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr schien es Meredith, dass das Geheimnis seiner Ermordung in direkter Verbindung mit dem Wechsel der Identität stand. Warum sollte ein Mann so etwas tun? Und es war nicht die einzige grundlegende Veränderung in seinem Leben gewesen. Er hatte zweimal seinen Lebensmittelpunkt verlegt, zuerst aus dem Libanon nach Zypern, und dann war er aus Zypern weggegangen und nach England gekommen. Zudem hatte er auch noch die Nationalität gewechselt. Georges Wahid hatte effektiv eine ganz neue Person erschaffen: Alex Constantine. Es konnte nicht anders sein, als dass er versucht hatte, durch all diese Änderungen seine Spuren zu verwischen. Hatte er sich sosehr vor jemandem gefürchtet? Hatte er gefürchtet, dass dieser Jemand ihn eines Tages finden und Rache üben könnte? Rache weswegen? Meredith wusste es nicht. Doch es sah ganz danach aus, als hätte jemand Alex am Ende gefunden und ihn ins Grab geschickt. Sie sah, wie Rachel über die Planke neben dem Erdhügel zum Rand des Grabes wankte. Markby berührte sie am Arm, und ihr wurde bewusst, dass er ihr damit bedeuten wollte, als Nächste zu gehen. Gehorsam folgte sie Rachel, beugte sich herab, um ein paar Krumen der feuchten, klebrigen Erde aufzuheben, und warf sie auf den Sarg, wo die Erde prasselnd auf dessen Messingplakette landete und den Namen unkenntlich machte. Alex Constantine verschwand buchstäblich für immer von der Erdoberfläche. Gegangen, doch nicht vergessen, dachte Meredith. Wenigstens jetzt noch nicht. Früher oder später geraten wir alle in Vergessenheit, oder man erinnert sich unserer nur noch in Form einer verzerrten Legende wegen irgendeiner Leistung im Leben. Der Tod wischte die Realität aus wie ein nasser Schwamm Kreidezeichen auf einer Tafel. Nachdem Meredith ihre Pflicht erfüllt hatte, zog sie sich vom Sarg zurück und entfernte sich ein Stück weit von der Gruppe der Trauernden. Sie stand neben dem alten Grabstein mit der Inschrift, die sie bei ihrem ersten Besuch auf dem Friedhof sosehr beeindruckt hatte.

»Wie ich einst war, so seid nun Ihr, wie ich nun bin, werd’t Ihr einst sein.« Die Worte unterstrichen Merediths eigene melancholische Gedanken. Alex war tot, und das war das Ende der Geschichte. Was auch immer er gefürchtet hatte, er musste es nicht mehr fürchten. Nicht mehr davonlaufen. Für ihn gab es nur noch die friedliche Stille des Grabes. Meredith sah auf und über den antiken Grabstein hinweg zur anderen Seite des Friedhofs. Das Grab lag im Schatten, den die Kirche warf, doch auf der anderen Seite herrschte heller Sonnenschein, und dort stand sie. Eine Frau. Meredith atmete scharf ein. Das war ohne jeden Zweifel die Frau, die sie an jenem Abend in der Einfahrt zu Malefis Abbey gesehen hatte! Eine Kollegin des Motorrad fahrenden Fotografen, die von der Beerdigung berichtete? Doch sie kam nicht von irgendeiner Zeitung, dessen war sich Meredith sicher. Die Kleidung war viel zu formell. Sie machte keine Notizen, sprach in kein Diktiergerät. Meredith blickte sich suchend nach Alan um, in der Hoffnung, seinen Blick einfangen und seine Aufmerksamkeit auf die Fremde richten zu können. Doch er stand mit gesenktem Kopf und respektvoll in der Menge, und Meredith hatte keinen Erfolg. Sie sah wieder zu der mysteriösen Fremden. Die Grabsteine zwischen ihr und der Frau verbargen den unteren Teil von deren Gestalt, doch ihr Oberkörper war deutlich zu erkennen. Sie trug Marineblau, genau wie Meredith. Meredith kam das Kostüm mit dem weißen, quäkerartigen Kragen nur zu bekannt vor, zu dem die Fremde jetzt einen passenden breitkrempigen Hut trug, der ihr Gesicht beschattete. Das lange Haar reichte bis auf die Schultern. Sie hatte die Hände vor dem Leib gefaltet; darin hielt sie zwei einzelne, langstielige Blumen, die aus der Ferne aussahen wie Lilien. Sie trug keine Handtasche. Das ist eigenartig!, dachte Meredith. Sie trägt einen Hut, aber keine Handtasche. Und überhaupt, was machte sie dort drüben? Warum kam sich nicht herbei und stellte sich zu den anderen? Die Lilien deuteten darauf hin, dass sie hergekommen war, um Alex die letzte Ehre zu erweisen, doch sie war nicht in der Kirche gewesen. Mit einem Mal verspürte Meredith unerklärliche Furcht in sich aufsteigen. Diese stille, reglose, vornehm gekleidete Gestalt zwischen den Grabsteinen hätte aus der alten Erde selbst aufgestiegen sein können. War es möglich, dass nur Meredith allein sie sehen konnte? Hatte sie denn niemand außer ihr bemerkt? Merediths Blick glitt wieder zu der Gruppe beim Grab. Mavis Tyrrell streute gerade Erde auf den Sarg von Alex. Sie tat es in einer methodischen Bewegung, vor und zurück, als wollte sie Mehl über einen Teig streuen. Niemand sah in Merediths Richtung. Die Fremde stand noch immer an der gleichen Stelle, als Meredith wieder zu ihr sah. Ein Anflug von Ärger hatte die Angst zurückgedrängt. Meredith hob die Hand und winkte der Frau, sich zu ihnen zu gesellen. Die Gestalt bewegte sich. Die Frau legte eine Hand an ihren Hut. Die Geste besaß etwas merkwürdig Vertrautes, das Meredith in diesem Augenblick nicht einzuordnen wusste. Es nagte wütend an ihrem Verstand, ein Fragment einer verlorenen Erinnerung. Schließlich wurde der Wunsch, das Rätsel zu lösen, einfach überwältigend. Meredith löste sich aus der Gemeinschaft der Trauernden und ging über den unebenen Rasen auf die unbekannte Zuschauerin zu. Augenblicklich wandte sich die Frau ab und eilte in Richtung des kleinen Tors, das auf einen Weg an der Seite des Friedhofs führte. Der Anstand verbot Meredith zu rennen, und als sie endlich das Tor erreicht hatte, war die Fremde verschwunden. Sie musste sich nach links gewandt haben, den Weg hinunter. Nach rechts wäre sie zur Hauptstraße gekommen und über die vordere Friedhofsmauer hinweg zu sehen gewesen. Meredith wandte sich ebenfalls nach links. Der Weg führte zwischen hohen Böschungen steil bergab und direkt in ein kleines Dickicht. Zu beiden Seiten bildete das Gewirr von Zweigen und Ranken wild wachsender Flora eine undurchdringliche Mauer. Um die Bäume herum wuchsen Brennnesseln und Brombeeren. Merediths Schritte hallten laut über den harten Asphalt der Straße und wurden von den Wänden aus Vegetation zurückgeworfen. Doch als sie stehen blieb, um zu lauschen, waren keine anderen Schritte zu hören, obwohl sie sicher war, dass sich die fremde Frau vor ihr befinden musste. Nichts außer dem Rauschen der Blätter, dem Knacken von Zweigen und dem vereinzelten Flattern von Vögeln. Sie spürte, dass sie aus der Sicherheit des Unterholzes heraus beobachtet wurde. Die Frau aber blieb wie vom Erdboden verschluckt. Es war ein feindseliger Ort, und Meredith war ein Eindringling. Sie wandte sich um und stieß einen erschrockenen Ruf aus. Ihr war nicht aufgefallen, dass Alan Markby sich aus der Trauergemeinde gelöst hatte, um ihr zu folgen. Doch er wartete ein Stück weit hinter ihr, oberhalb der Straße, seine Silhouette hob sich scharf vor dem hellen Himmel ab. Er trug seinen Hut.

»Du hast mir einen Schreck eingejagt!«, rief sie ihm entgegen und fügte hinzu:

»Setz diesen schrecklichen Hut ab! Du siehst aus, als wärst du von der Mafia!«

»Diesen Hut habe ich extra für Beerdigungen gekauft.« Doch er setzte ihn ab und hielt in vor der Brust, während sie zu ihm kam.

»Was machst du da unten? Ich hab gesehen, wie du weggegangen bist.«

»Da war eine Frau …«, erwiderte Meredith lahm. Sie wandte sich um und deutete den verlassenen Weg hinunter.

»Ich glaube, sie ist in diese Richtung gegangen. Hast du sie gesehen, auf dem Friedhof, meine ich? Sie stand ganz allein am anderen Ende, in der Nähe des kleinen Tors.« Markby schüttelte den Kopf.

»Nein, tut mir Leid. Ich habe niemanden gesehen. Da unten?« Er deutete den Weg entlang.

»Sie muss sich ziemlich schnell entfernt haben.« Er sah Meredith an.

»Du siehst blass aus. Alles in Ordnung mit dir?«

»Sie war da!«, beharrte Meredith halsstarrig.

»Wir gehen besser zurück. Rachel wird sich schon fragen, wo wir sind.« Er streckte ihr die Hand hin. Sie nahm sie, froh über eine menschliche Berührung.

»Ich habe sie gesehen, Alan! Mehr noch, es war die gleiche Frau, die am Abend meiner Ankunft das Haus beobachtet hat! Ich wünschte nur, ich …« Meredith runzelte die Stirn.

»Sonst noch etwas, das dir Kopfzerbrechen bereitet?«

»Ja. Aber ich weiß nicht, was es ist. Ich versuche mich an etwas zu erinnern. Grässlich, wenn irgendetwas in deinem Kopf festsitzt und du es einfach nicht zu fassen kriegst, wenn du es brauchst!«

»Die Erinnerung kommt von allein, wenn du nicht mehr daran denkst.« Sie waren bei dem kleinen Friedhofstor angekommen. Alan ließ ihre Hand los, um das Tor zu öffnen, und hielt es ihr anschließend auf.

»Sag mir Bescheid, wenn du sie noch einmal siehst. Wenn sie nichts hier zu suchen hat, dann können wir Rachel wenigstens den Gefallen tun, sie zu vertreiben.«

»Ja.« Meredith blickte unbehaglich über die Schulter zurück auf den Weg, dann starrte sie Markby herausfordernd an.

»Du glaubst mir doch, dass ich sie gesehen habe, oder nicht?«

»Natürlich glaube ich dir. Aber bestimmt entpuppt sie sich als Dorfbewohnerin, genau wie die anderen am Friedhofstor, als wir hier angekommen sind. Vielleicht war es auch einfach nur jemand, der in der Zeitung von Alex’ Tod gelesen hat, und sich die Beerdigung ansehen wollte. Manche Leute haben merkwürdige Hobbys.«

»Aber genau das ist es! Sie ist hergekommen, um sich die Beerdigung anzusehen. Sie war entsprechend gekleidet und hatte Blumen dabei, Lilien! Aber warum hatte sie keine Handtasche?«

»Keine weltlichen Güter?«, sagte Markby leichthin. Sie waren beim Grab von Alex Constantine angekommen, umgeben von zahlreichen Kränzen und Blumen in allen Regenbogenfarben. Die Trauergemeinde hatte sich zurückgezogen und stand beim Tor. Der Sarg lag allein und verlassen in seinem Grab. Rachel stand bei der schwarzen Limousine und blickte ungeduldig zu ihnen hinüber. Sie winkte ihnen zu, sich zu beeilen.

»Ich wünschte wirklich«, entgegnete Meredith mit Bedacht,

»du hättest das nicht gesagt.«

Mrs. Pascoe hatte ein wundervolles kaltes Büfett aufgebaut. Wenig überrascht stellte Meredith fest, dass ihre Pastete nicht unter den angebotenen Speisen war.

Nachdem die Trauernden den Friedhof hinter sich gelassen hatten, zeigten sie die übliche Reaktion im Anschluss an Feierlichkeiten. Die Gespräche waren laut und lebhaft. Die dicken Damen hatten Rachel umringt und bekundeten energisch ihr Beileid. Meredith fand sich neben der rothaarigen jungen Frau wieder.

»Penny Staunton«, stellte sie sich vor.

»Ich bin die Frau des Doktors. Mein Mann wollte auch kommen, aber er hat Sprechstunde. Er hätte dem Toten zu gerne die letzte Ehre erwiesen, aber er hat einfach zu viel zu tun, um sich die Zeit zu nehmen. Ich persönlich habe Alex Constantine nie kennen gelernt, nur Rachel, und ich war erst ein einziges Mal in diesem Haus.«

Die letzten Worte flüsterte sie mehr in atemloser Ehrfurcht vor der beeindruckenden Umgebung als wegen des traurigen Anlasses ihres Hierseins.

»Man hat doch Ihren Mann gerufen, als Alex Constantine seinen Herzanfall hatte, nicht wahr? Oder war das nicht in Lynstone?«, fragte Meredith neugierig und ironisch amüsiert zugleich.

»O ja! Ende letzten Sommers! Alex war eben erst von einer Geschäftsreise ins Ausland zurückgekehrt. Rachel hat gegen elf Uhr nachts angerufen. Als Pete hier ankam, war sie ganz außer sich. Pete hat Alex mit dem Krankenwagen ins Hospital einliefern lassen, um ganz sicherzugehen. Später war Alex bei einem Spezialisten in London. Ich komme einfach nicht darüber hinweg, wissen Sie? Alex und ermordet, es ist unfassbar!« Mit einem leisen Ächzen fuhr sie fort:

»Also wirklich, sieh sich einer das an! Nevil James!«

Nevil hatte also tatsächlich den Mut aufgebracht, sich beim Leichenschmaus zu zeigen. Er stand bei der Tür und wirkte unsicher und entschlossen zugleich. Niemand sprach ihn an.

»Also das nenne ich peinlich«, murmelte Penny vertraulich.

»Ich meine, es war natürlich nichts! Nur Gerüchte! Trotzdem, ich finde es taktlos von dem jungen Kerl!«

Penny selbst hätte sicher auch keinen Preis für ihr Taktgefühl gewonnen, dachte Meredith. Doch Menschen wie sie waren manchmal ganz nützlich.

»Er hat Rachel mit den Kanarien geholfen«, sagte sie.

»Haben Sie die Voliere schon einmal gesehen?«

»O ja! Sie ist fantastisch! Dieses ganze Haus ist einfach fantastisch! Ich persönlich bin ja sehr froh, dass Rachel jemanden hat, der ihr in dieser schweren Zeit hilft. Aber Sie wissen ja, die Menschen klatschen gern. Rachel ist eine richtige Schönheit, und der junge Nevil James ist allein stehend und … nun ja, Lynstone ist ein sehr kleines Dorf.«

Nevil war zum Büfett gegangen und nahm sich etwas zu essen. Mavis Tyrrell sprach ihn an.

»Jeder hier weiß«, fuhr Penny leidenschaftlich fort,

»dass Rachel und Alex voller Hingabe für einander waren! Sie haben einander vergöttert!«

Markby und Hawkins hatten sich wie durch eine unausgesprochene und gegenseitige Vereinbarung in den hinteren Teil des Raums begeben, wo sie nun nebeneinander standen und dem Gedränge zuschauten. Markby hielt ein Glas Wein in der Hand. Hawkins hatte sich seinen Teller mit kaltem Huhn und Schinken beladen und stocherte nun mit einer Gabel darin herum.

»Eigenartige Trauergemeinde für einen Mann wie Constantine, finden Sie nicht?«, sagte Hawkins.

»In welcher Beziehung?« Markby nahm einen Schluck von seinem Wein und beobachtete neugierig Nevil, der offensichtlich bemüht war, Sichtkontakt zu Rachel herzustellen, ohne Erfolg.

»Keine hohen Tiere. Nur Nachbarn. Keine Familie.«

»Constantine stammte aus dem Libanon.«

»Und wo ist Mrs. Constantines Familie?«

»Rachel hat keine große Familie.«

»Ah, ja. Das wissen Sie ja wohl«, murmelte Hawkins mit vollem Mund. Vielleicht, um von diesem Fauxpas abzulenken, fügte er rasch hinzu:

»Wir konnten übrigens zwischenzeitlich diesen Fußabdruck identifizieren, den Sie im Gebüsch bei der Mauer gefunden haben.«

»Tatsächlich?« Markby starrte den Superintendent überrascht an.

»Na ja, wenn ich sage identifizieren … Er stammt so gut wie sicher vom rechten Fuß eines Paares Gummistiefel, die in der Garage aufbewahrt werden. Sie gehörten Constantine. Er hat sie dort hingestellt, weil er manchmal, wenn er nach Hause kam, hineingeschlüpft ist und eine Runde durch den Park gemacht hat, bevor er ins Haus ging. Sie standen nicht in einem Schrank, sondern offen gleich neben dem Tor. Jeder konnte sie von weitem sehen.«

»Wahrscheinlich wusste also eine ganze Reihe Leute von diesen Stiefeln«, sinnierte Markby.

»Bestimmt. Jeder hätte sie benutzen können. Es sei denn natürlich, Constantines Geist persönlich steckt dahinter.« Hawkins schnaubte.

»Muss ein ziemlich schwerer Geist gewesen sein.«

»Ja. Aber unser Freund Constantine steckt voller Überraschungen, selbst noch, nachdem er in seinem Grab liegt.« Hawkins zeigte mit der Gabel auf Meredith und Penny Staunton.

»Sehen Sie die Rothaarige? Die Frau des Hausarztes. Ich konnte mich gestern Abend auf ein Wort mit ihrem Mann unterhalten.« Hawkins senkte die Stimme, als sich jemand anderes näherte, dann verstummte er ganz.

»Haben Sie die Voliere schon gesehen?«, fragte Markby unvermittelt.

»Falls nicht, kommen Sie mit, ich zeige sie Ihnen!«

»Nun«, stieß Hawkins ein paar Sekunden später aus,

»das sagt doch wirklich alles!« Sie standen in der Orangerie vor dem Drahtkäfig. Obwohl es ein warmer Tag war, hatte niemand die Heizung hier drin heruntergedreht. Es war drückend heiß, und der Duft der Orangenblüten schien noch intensiver als gewöhnlich. Hawkins zog ein Taschentuch hervor und wischte sich über das Gesicht.

»Das ist ja ein richtiges Treibhaus!«

»Genau das war es tatsächlich. Eine Schande, dass es keine Pflanzen mehr gibt. Wenn ich richtig verstanden habe, dann haben die Constantines bei ihrem Einzug alles rausgerissen, bis auf den Orangenbaum, meine ich.«

»Dieser schwere Geruch macht mich ganz benommen!«, brummte Hawkins, doch er setzte sich trotzdem in einen der dick gepolsterten Bambussessel, nachdem er misstrauisch seine Stabilität getestet hatte. Markby schätzte, dass der Superintendent an diesem Tag genau wie am vorangegangenen Morgen willig, ja sogar begierig war, mit ihm über den Fall zu reden oder wenigstens über die beiden Constantines. Der Mann aus London hatte wohl erkannt, dass es vielleicht nicht die klügste Vorgehensweise war, dem Chief Inspector die kalte Schulter zu zeigen. Markby trat zur Voliere und betrachtete die Kanarienvögel darin, während er geduldig wartete. Hawkins räusperte sich in seinem Sessel, doch dann kam er sogleich auf den Punkt.

»Sie hat nie über die Herzattacke ihres Mannes gesprochen, oder? Seit Sie hergekommen sind, meine ich?« Also wälzte Hawkins ein spezifisches Problem und wollte eine schwierige Frage klären.

»Nein. Abgesehen davon, dass sie immer wieder gesagt hat, wie sehr sie ihn vermisst, spricht sie nicht viel über ihn. Ich denke, sie ist ziemlich verärgert, dass sie sich nun um seine Vögel kümmern muss.« Hawkins schniefte.

»Behalten Sie das, was ich Ihnen jetzt sage, unter allen Umständen für sich. Die Obduktion des Toten hat ein paar merkwürdige Befunde zu Tage gefördert. Letztes Jahr, so hat man uns zu verstehen gegeben, erlitt Constantine einen leichten Herzanfall. So was nennen sie manchmal einen Warnschuss. Er ließ sich behandeln, und es ging ihm ausgezeichnet bis eine Woche vor der Chelsea Flower Show, wo er erneut Stiche in der Herzgegend verspürte und seinen Hausarzt aufsuchte, Dr. Staunton. Staunton verschrieb ihm Medikamente und bat ihn wiederzukommen, falls die Schmerzen davon nicht weggingen. Und jetzt das Merkwürdige daran: Als unser Pathologe den Leichnam öffnete, fand er keinerlei Anzeichen einer Herzerkrankung. Die Arterien waren sauber wie Orgelpfeifen. Die Herzklappen alle einwandfrei. Abgesehen von den Schäden, die das Gift hervorgerufen hat, war sein Herz in einem ausgezeichneten Zustand. Vielleicht hatte er ein paar Probleme mit der Leber. Er hat wohl gerne hin und wieder ein Glas Wein getrunken. Der Pathologe fand Hinweise auf eine Zirrhose im Anfangsstadium. Doch Constantine hat gegenüber Staunton nie etwas von Leberbeschwerden erwähnt. Alles in allem machte er einen recht gesunden Eindruck.«

»Also hatte er im vergangenen Jahr gar keinen Herzanfall?« Markby wandte sich von der Voliere ab und blickte Hawkins stirnrunzelnd an.

»Sind Sie – ist Ihr Pathologe ganz sicher?«

»So sicher, wie man als Nicht-Spezialist für Herzerkrankungen sein kann. Andererseits gilt das auch für Staunton. Er ist ein gewöhnlicher Hausarzt. Als ich ihn fragte, ob er seiner Diagnose sicher gewesen sei, wurde er ungehalten wie alle Ärzte in dieser Situation. Sie mögen es nicht, wenn Laien ihre Urteilsfähigkeit in Frage stellen. Doch das ist noch nicht alles. Wir fanden keinerlei Spuren der Medikamente, die Staunton dem Toten kurz vor seinem Besuch in Chelsea verschrieben hat. Es war eine Monatspackung Pillen, und das Medikament hätte unter allen Umständen noch in Constantines Leichnam nachweisbar sein müssen.«

»Haben Sie Rachel – seine Frau – wegen der Medikamente gefragt? Hat Alex sie eingenommen? Manchmal vergessen die Leute das oder brechen eine Behandlung vorzeitig ab.«

»Sie ist genauso ausweichend wie in allen anderen Fragen auch«, erwiderte Hawkins verärgert.

»Sie meint, er habe sie genommen. Sie hat ihn aber nicht dabei gesehen. Sie hat die Tabletten nach seinem Ableben auch nicht im Haus gefunden.« Markby rieb sich beunruhigt über das Kinn.

»Also hat Staunton die Symptome von Constantine falsch diagnostiziert? Aber war er nicht hinterher in London bei einem Spezialisten, der die Erkrankung bestätigt hat? Jedenfalls sagt Rachel das.«

»Ja. Wir haben es überprüft. Als Constantine in London war, ging es ihm schon viel besser, und die Symptome waren abgeklungen. Der Spezialist hatte lediglich Stauntons Gutachten, in dem er den Patienten beschrieb und seine Meinung darlegte. Er führte selbstverständlich seine eigenen Untersuchungen durch und seine eigene Diagnostik. Das Ergebnis war definitiv eine Störung, die Art von Erkrankung, die man häufig in Fällen von Stress und Überarbeitung findet. Also bestätigte der Spezialist Stauntons Diagnose und riet seinem Patienten, in Zukunft langsamer zu treten und das Leben ein wenig leichter zu nehmen. Er verschrieb Medikamente und eine Diät, überreichte ihm seine Rechnung, und alle waren glücklich und zufrieden.«

»Aber wenn es überhaupt keinen Herzanfall gegeben hat … was war dann los mit Alex? Irgendetwas, das nach außen hin ausgesehen haben muss wie ein Herzanfall und beide Ärzte getäuscht hat?« Markby betrachtete stirnrunzelnd die unschuldigen Kanarienvögel, die in ihrem Orangenbaum von Ast zu Ast flatterten.

»Kann es sein, dass er sich etwas von diesen Vögeln eingefangen hat? Oder war es vielleicht nur die Leber und gar nicht das Herz? Aber das hätten die Tests des Spezialisten sicher ans Licht gebracht, nicht wahr, selbst wenn Staunton zu einer falschen Diagnose gekommen ist?«

»Macht einen nachdenklich, was? Vielleicht hat ihm jemand etwas ins Essen oder in seine Drinks gemischt.« Hawkins rülpste diskret hinter vorgehaltener Hand, vielleicht beim Gedanken an die gewaltige Portion kaltes Huhn und Schinken, die er soeben vertilgt hatte.

»Und vielleicht, nur ganz vielleicht war der erfolgreiche Anschlag auf Constantines Leben während der Chelsea Flower Show gar nicht der erste Versuch des Mörders!« Eine Pause entstand.

»Er war eine Woche vor seinem Tod bei seinem Hausarzt?« Hawkins nickte.

»Wenn Sie vorhätten, jemanden zu ermorden, und wenn Sie erfahren, dass dieser Jemand bei seinem Hausarzt in Behandlung ist, dann würden Sie diese Tatsache doch wohl berücksichtigen, oder? Vielleicht ist das der Grund, aus dem der Mordanschlag in London ausgeführt wurde.« Markby hatte die Antwort auf den Lippen und bemühte sich, auf eine Weise zu antworten, die dem ernsten Anlass angemessen war sowie der Tatsache, dass Hawkins ein ranghöherer Beamter war, doch es fiel ihm nicht leicht.

»Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen. Alles scheint auf eine intime Kenntnis des Lebens der Constantines hinzudeuten. Ich weiß, Sie verdächtigen Rachel, aber Sie haben sie heute selbst gesehen! Sie hat ihn geliebt! Außerdem, sehen Sie sich nur dieses Haus an! Ich würde nicht hier leben wollen, aber es entspricht ganz und gar Rachels Stil, und Alex war derjenige, der ihn ihr ermöglicht hat! Warum sollte sie jemandem helfen wollen, der ihren Mann …?« Hinter ihnen erklang ein leises Geräusch, und beide fuhren herum. Die Frau des Arztes, Penny Staunton, stand in der Tür. Sie errötete, und die Farbe ihrer Wangen stach sich mit dem Rot ihrer Haare.

»Oh, bitte entschuldigen Sie! Ich dachte, hier draußen wäre niemand! Ich bin nur hergekommen, weil ich mir diese Voliere noch einmal ansehen wollte. Ich bin nämlich erst zum zweiten Mal in diesem Haus.« Sie klang melancholisch.

»Das erste Mal war ein Wohltätigkeitskaffee, bei dem Rachel Gastgeberin war. Sie hat uns herumgeführt und uns alles gezeigt, einschließlich dieses Treibhauses! Es war einfach wundervoll! Aber natürlich wusste ich alles über Alex und Rachel, wie glücklich sie miteinander waren und so.« Sie bemerkte die steinernen Gesichter der beiden Männer, stieß ein leises, verlegenes Lachen aus, bemerkte, dass es unangemessen war, lief womöglich noch röter an und flüchtete zum entfernten Gemurmel im Salon, wo die anderen Gäste zu finden waren.

»Sehen Sie?«, brummte Markby.

»Informationen über Alex hätten beispielsweise von dieser Frau kommen können, die offensichtlich ein geborenes Waschweib ist. Oder von der Haushälterin. Oder einem Dutzend anderer Leute, die nicht in diesem Haus leben! Es ist eine kleine Gemeinde, und jeder könnte Constantine in der Sprechstunde gesehen haben. Wahrscheinlich wusste jeder, dass er im letzten Jahr einen Herzanfall erlitten hat. Um Himmels willen, in diesem Kaff geschieht so wenig, dass alles von Interesse ist! Das ist nicht wie in der großen Stadt, wo so viel passiert und die Menschen ihr ganzes Leben nicht ein einziges Mal mit den Nachbarn reden!« Markby wurde bewusst, dass er erregt gesprochen hatte, und verstummte unvermittelt. In ruhigerem Tonfall fügte er dann hinzu:

»Ich möchte nicht unhöflich klingen, Sir, aber ich habe ein persönliches Interesse an diesem Fall, das gebe ich gerne zu, und ich arbeite ununterbrochen in kleineren Orten.«

»Sagen Sie nur, was Sie denken, Chief Inspector!«, erwiderte Hawkins, offensichtlich höchst zufrieden, dass er Markby so weit gebracht hatte. Er nickte in Richtung des Speisesaals, aus dem das Gemurmel der Trauergäste drang.

»Ich bin vielleicht nicht sosehr Stadtmensch, wie Sie glauben. Ich bin mir der Tatsache durchaus bewusst, dass alle den Toten kannten und alles über ihn wussten. Aber sie erzählen auch alle ununterbrochen, was für ein guter Mensch er doch war, ist Ihnen das nicht aufgefallen? Alle singen Alex Constantines Loblied!«

»Das ist bei Beerdigungen nun einmal der Brauch.«

»Es stinkt jedenfalls zum Himmel«, entgegnete Hawkins entschieden.

»Völlig ausgeschlossen, dass jeder von ihnen eine derart hohe Meinung von ihm hatte. Einem muss er im Weg gestanden haben! Und es könnte jeder gewesen sein!«, schloss er düster. Markby seufzte.

»Haben Sie schon mit dem jungen Nevil James gesprochen? Er ist wahrscheinlich immer noch nebenan im Speisesaal.«

»Sie meinen Rachels jugendlichen Verehrer?« In Hawkins’ Gesichtszügen stand mühsam beherrschte Wut.

»Habe ich. Er hat ein Alibi. Einen Corgi!«

KAPITEL 15

Als Meredith am Morgen nach Alex’ Beisetzung erwachte, strahlte die Sonne hell und freundlich, und die unsichtbare Beklemmung schien von Malefis Abbey gewichen zu sein. Wahrscheinlich liegt es daran, dass ich jetzt bald wieder von hier weg kann, dachte sie, während sie sich schwungvoll das Haar bürstete. Rachel konnte schließlich nicht erwarten, dass sie für immer blieb. Das Begräbnis war vorbei, und Superintendent Hawkins würde am Ende der Woche seine Ermittlungen abgeschlossen haben. Auch er konnte sicherlich nicht unbeschränkt bleiben. Selbst wenn er nichts fand, würde er in London gebraucht werden. Alan und sie konnten nach Hause fahren und die ganze elende Geschichte für eine Weile vergessen. Fast fröhlich lief sie die Treppe hinunter und platzte in das Frühstückszimmer. Zu ihrer Überraschung saß Rachel, die normalerweise alles andere als eine Frühaufsteherin war, bereits am Tisch. Auch sie wirkte bemerkenswert gut gelaunt und entspannt.

»Guten Morgen!« Meredith setzte sich ihr gegenüber.

»Du siehst aus, als hättest du gut geschlafen.«

»Ja, das habe ich. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit! Seit Alex gestorben ist.« Rachel schlug mit einem Löffel die Schale ihres gekochten Eis auf.

»Es ist vorbei, und das ist wirklich eine Erleichterung!«

»Ich denke auch, die Beerdigung verlief erfreulich glatt«, antwortete Meredith vorsichtig.

»Der Vikar hat nette Worte über Alex gefunden. Es war eine sehr gute Idee von Alex, der Kirche im Ort eine Spende zukommen zu lassen!«

»Ja, es lief alles wunderbar, nicht wahr? Was den Kirchenfonds betrifft, so hat mich der Vikar gefragt, ob es in Ordnung wäre, das zu erwähnen, und ich habe ihm geantwortet, dass ich keinen Grund kennen würde, der dagegen spricht. Damals wollte Alex nicht, dass es bekannt wird. Er wollte niemals Publicity, wenn er Schecks für wohltätige Zwecke unterschrieb. Er meinte, es spiele keine Rolle, wenn niemand weiß, woher das Geld kommt. ›Gott wird es wissen!‹, hat er immer gesagt. Aber ich will, dass die Leute erfahren, wie großzügig er immer gewesen ist, ganz besonders, weil …« Sie brach ab.

»Weil was?«, ermutigte Meredith sie.

»Ach, du weißt schon, wenn jemand gestorben ist, dann reden alle anfangs so nett über ihn, aber später fangen sie an zu schwatzen und versuchen, seinen Ruf zu zerstören. Ich möchte, dass die Menschen erfahren, was für ein guter Mensch Alex gewesen ist!« Ihre grünen Augen glitzerten, wurden fast so dunkelgrün wie Jade.

»Aber ich habe nicht nur das Begräbnis gemeint, als ich gesagt habe, es sei vorbei.« Ihre Unterhaltung geriet ein weiteres Mal ins Stocken, als Mrs. Pascoe mit einer Kanne frischen Kaffees eintrat. Sie fragte Meredith, ob sie ebenfalls ein gekochtes Ei wünsche und falls ja, ob es genauso hart gekocht sein solle wie beim letzten Mal.

»Ich erinnere mich tatsächlich noch daran«, sagte Rachel verträumt, als die Haushälterin gegangen war.

»Ist es nicht eigenartig, diese Begebenheiten, die man nicht vergisst? Damals in der Schule waren die Frühstückseier immer steinhart gekocht, und du warst die Einzige, die deswegen nicht gemurrt hat.«

»In dieser Schule war das Frühstück die beste Mahlzeit des ganzen Tages!«, steuerte Meredith ihre eigenen Erinnerungssplitter bei.

»Jede andere Mahlzeit war irgendwie ein Eintopf oder ein klumpiger Pudding.«

»Am schlimmsten war der Summer Pudding«, sagte Rachel erschauernd.

»Durchgeweichtes Brot mit vergammelten Früchten.«

»Der Bread-and-Butter Pudding war noch grausiger! Wenn ich’s mir genau überlege, war jeder Pudding, den es gab, irgendwie mit Brot gemacht. Bloß nichts verschwenden!« Beide lachten. Rachel schlug sich schuldbewusst die Hand vor den Mund.

»Wir sitzen hier und lachen, und der arme Alex liegt in seinem kalten Grab! Es ist so falsch! Er sollte hier bei uns sein!«

»Oh, es tut mir Leid, Ray«, sagte Meredith mitfühlend.

»Nein, du musst dich nicht entschuldigen. Wie ich schon sagte, es ist vorbei! Aus und vorbei. Ich habe dir gesagt, wenn Alex erst beerdigt ist, kann ich den Kummer verarbeiten und mein Leben weiterleben. Ich hoffe, es klingt nicht lieblos. In meinem Herzen werde ich ihn nie vergessen und immer um ihn trauern. Aber ich weiß, dass ich die Uhr nicht zurückdrehen kann. Er ist tot, und ich kann es nicht ändern. Ich habe glückliche Erinnerungen an die Zeit mit ihm, und das tröstet mich. Aber jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder von vorn anzufangen.«

»Du hast sehr viel Mut, Rachel«, sagte Meredith plötzlich. Rachel stützte die Ellbogen auf den Tisch und legte das Kinn in die Hände. Sie schob die volle Unterlippe vor, als würde sie über Merediths Beobachtung nachdenken.

»Ich weiß nicht. Ich bin im Grunde genommen ein praktisch veranlagter Mensch. Deswegen werde ich auch gleich morgen nach London fahren und das Haus zum Verkauf anbieten.«

»Was?« Meredith verschüttete Kaffee in ihre Untertasse.

»Du willst Malefis Abbey verkaufen?«

»Ja, sicher, warum nicht – pssst!« Sie hörten, wie sich Mrs. Pascoe erneut näherte.

»Ich habe Letty Pascoe noch nichts davon gesagt. Ich werde es gleich nach dem Frühstück tun«, flüsterte Rachel.

»Hier, bitte sehr, Miss Mitchell.« Mrs. Pascoe servierte Meredith das Ei. Obenauf saß eine kleine gestrickte Kappe mit einer winzigen Bommel.

»Genau wie Sie es mögen.« Sie ging nach draußen. Meredith nahm die Bommelmütze vom Ei und schlug mit dem Löffel gegen die Spitze. Er prallte ab, ohne die Schale auch nur zu ritzen.

»Selbstverständlich muss man ein Haus wie dieses mit einem so großen Grundstück, das einiges an Personal erfordert, im ganzen Land anbieten«, fuhr Rachel flüsternd fort, für den Fall, dass Mrs. Pascoe noch in Hörweite war.

»Ich dachte, wenn ich es in einem der exklusiven Magazine anbiete, beispielsweise in Country Life, dann sehen es genau die Leute, die sich für so etwas interessieren.«

»Frag mich nicht«, entgegnete Meredith.

»Ich fürchte, da kann ich dir nicht helfen. Ich habe noch nie ein Herrenhaus verkauft.« Sie grinste schief.

»Du musst es vorher von einem Sachverständigen schätzen lassen.«

»Das werden die Makler tun. Der Besitz ist in ausgezeichnetem Zustand. Der Park ist gepflegt, und das Haus wurde modernisiert. Ich weiß überhaupt nicht, wie diese dumme Ananas beinahe auf dich hat fallen können, Meredith! So etwas ist noch nie zuvor passiert!«

»War wohl einfach Pech«, sagte Meredith ein wenig defensiv, weil es Rachel tatsächlich fertig brachte, dass es klang, als sei alles ganz allein Merediths Schuld. Dr. Staunton hatte es für unklug befunden, Rachels emotionale Anspannung noch zu vergrößern, also hatten sie der Witwe einstweilen nichts von den Nägeln in der Gartenmauer erzählt. Und jetzt davon anzufangen, hätte wenig Sinn gehabt, selbst wenn Meredith sich ärgerte, dass ihr jetzt die Verantwortung für den Unfall in die Schuhe geschoben wurde. Außerdem war Rachel schon immer so gewesen, erinnerte sich Meredith. Sie hatte nie die Verantwortung für ein Missgeschick oder einen Schulmädchenstreich übernommen, nicht einmal dann, wenn sie selbst die Idee gehabt hatte. Rachel hatte einem schon immer auf diese aufrichtig scheinende Art und Weise in die Augen sehen und sich selbst von jeder Mitschuld an der Tat freisprechen können. Wie Rachel selbst gerade eben noch gesagt hatte – manche Dinge vergaß man nie.

»Was wirst du anfangen, Rachel, wenn du Malefis Abbey verkauft hast?« Meredith kam ein Gedanke.

»Und was wird überhaupt aus Alex’ Geschäft?«

»Ich fahre morgen auch in sein Londoner Büro. Ich werde den ganzen Tag unterwegs sein, Meredith, ich hoffe, es macht dir nichts aus! Ich wüsste keinen Grund, warum das Geschäft nicht weiterlaufen sollte wie bisher. Ich bin sicher, dass ich es leiten kann, wenn ich mich erst mit den Büchern vertraut gemacht und mit dem Manager gesprochen habe. Die grundlegenden Kenntnisse besitze ich schon jetzt. Alex hat darauf bestanden, dass ich sie mir aneigne, nach seinem Herzanfall im letzten Jahr. Er wollte, dass ich etwas von seinen Geschäften verstehe, sodass ich … nun ja, wenn er lange Zeit krank gewesen wäre, hätte ich weitermachen können. Also weiß ich ungefähr, wie alles funktioniert.« Diese Feststellung traf sie mit einer Ernsthaftigkeit, die nahe legte, dass sie entweder keinerlei Schwierigkeiten erwartete oder zuversichtlich war, alles in den Griff zu bekommen. Meredith konnte es nicht sagen. Sie hatte Mühe, dieses neue Bild von Rachel zu verdauen, einer Rachel, die von neun bis siebzehn Uhr arbeitete und in den erbarmungslosen Konkurrenzkampf des Geschäftslebens eingriff. Die sich jeden Tag mit ihrem Aktenköfferchen zu Besprechungen traf. Neu eingetroffene Warenlieferungen mit Feigen oder Datteln und die Ablaufdaten im Lagerhaus der Gesellschaft inspizierte. Harte Verhandlungen mit verschlagenen Partnern führte. Es würde eine ganz und gar andere Rachel Hunter sein als die, die Meredith kannte. Nachdenklich strich sie sich Butter auf ihren Toast. Hawkins würde ebenfalls mit Interesse feststellen, dass die Witwe nicht länger von Trauer gebeugt war, sondern im Begriff stand, aktiv ihre Karriere als Geschäftsfrau voranzutreiben. Rachel beabsichtigte allen Ernstes, in die Fußstapfen ihres toten Mannes zu treten, eine freie, unabhängige und reiche Frau. Es war eine Vorstellung, die leicht misszuverstehen war – und Hawkins ein Mann, dessen Misstrauen schnell erwachte. So taktvoll, wie es ihr möglich war, schlug Meredith vor:

»Solltest du nicht lieber noch ein wenig damit warten, Ray?« Rachel hob überrascht die Augenbrauen.

»Wozu? Bis das Testament rechtskräftig wird? Alex hat mir alles hinterlassen. Es wird keinerlei Probleme geben.«

»Ich dachte nicht an das Testament, sondern daran, dass es normalerweise besser ist, derart weit reichende Entscheidungen nicht allzu schnell zu treffen, wenn man … wenn man in einer Situation wie der deinen steckt. Du hast einen sehr schweren Schicksalsschlag erlitten. Du handelst impulsiv. In ein paar Monaten, wenn du genügend Zeit zum Nachdenken gehabt hast, wirst du Malefis Abbey vielleicht überhaupt nicht mehr verkaufen wollen.« Rachel schüttelte die blonde Mähne und winkte ab. Ein Sonnenstrahl fing sich in den Diamanten ihres Rings und ließ sie glitzern.

»Nein. Mein Entschluss steht fest. Ich bin absolut sicher.«

»Und was ist mit der polizeilichen Ermittlung, Ray? Ich möchte dich nicht daran erinnern oder dich in Aufregung versetzen, aber dieser Hawkins mag sich vielleicht fragen, warum du so begierig darauf bist, so schnell in Alex’ Geschäft einzusteigen.«

»Wer soll es denn führen, wenn nicht ich? Außerdem geht das diesen Mann überhaupt nichts an!« Ihre Augen wurden erneut dunkel vor Zorn.

»In Lynstone herumzuschnüffeln, als wären wir alle verdächtig! Er sollte in London sein! Dort wurde der arme Alex ermordet! Ich sage dir, ich betrachte seine Arbeit als reine Verschwendung meiner Zeit und der Gelder der Steuerzahler, und wenn diese Sache vorbei ist, werde ich mich wahrscheinlich offiziell über ihn beschweren!« Sie zerknüllte ihre Serviette und warf sie mitten auf den Tisch zwischen sich und Meredith.

»Ich brauche jedenfalls keinen Superintendent Hawkins, der mir sagt, was ich zu tun und zu lassen habe, Meredith!« Allem Anschein nach stand ihr Entschluss also fest. Meredith hätte weiter argumentieren können, doch dann dachte sie: Was soll’s? Rachel war schon immer eigensinnig gewesen. Jeder Mensch ging auf seine Weise mit einer emotionalen Krise um. Rachels Antwort bestand möglicherweise darin, sich in Arbeit zu stürzen.

»Also gut, Ray. Aber wo wirst du in London leben?«

»Ich weiß es noch nicht.« Rachel runzelte die Stirn.

»Ich denke, es wird eine Zeit dauern, bis ich einen Käufer für Malefis Abbey gefunden habe. Große Herrenhäuser auf dem Land sind heutzutage schwer an den Mann zu bringen, schätze ich. Aber ich kann leben, wo immer ich will. Ich könnte sogar mein Geschäft ins Ausland verlegen, denke ich. Irgendwohin, wo es warm ist. Die Winter hier draußen in Lynstone sind arktisch! Wir sind regelmäßig eingeschneit. Außerdem wäre es vielleicht gar nicht verkehrt, in ein Land zu gehen, wo die Steuern niedriger sind.« Diese endgültige Verwandlung der Mrs. Constantine von der nervenschwachen Neurotikerin zur entschlossenen, machtbewussten Geschäftsfrau machte Meredith sprachlos. Doch sie fragte sich, während sie weiter frühstückte, was Alan zu alledem sagen würde.

Alan nahm es überraschend gelassen hin. Es war später am gleichen Vormittag, und sie wanderten den schmalen Weg zur Anhöhe von Windmill Hill hinauf, während Meredith es ihm erklärte, so gut sie konnte – was nicht besonders gut war.

»Ich bin von den Socken, milde ausgedrückt! Sie hat sich vollkommen verändert! Wenigstens muss ich jetzt nicht mehr länger hier bleiben. Sie braucht mich nicht mehr zur moralischen Unterstützung. Du wirst es selbst merken, obwohl ich vermute, dass sie dich noch hier behalten will, solange Hawkins herumschnüffelt. Ich gestehe, ich kann es kaum noch erwarten, nach Bamford zurückzukehren!«

»Ich kenne sie besser als du«, sagte Alan, während er mit einem ehrwürdigen edwardianischen Gehstock, den er im Hotel in einem Ständer gefunden hatte, nach Brennnesseln schlug.

»Ich habe immer gewusst, dass sie unter ihrer zerbrechlichen Schale hart ist wie Beton. Aber gut! Wir können beide nach Hause fahren!«

»Ich begreife es immer noch nicht! Um die Wahrheit zu sagen, ich mache mir Sorgen, dass sie ihren Verlust möglicherweise überkompensiert und der eigentliche Zusammenbruch später kommt.«

»Wieso?« Markby hob den Gehstock auf Augenhöhe und peilte über seine ganze Länge.

»Sie ist entschlossen, auch ohne ihn zurechtzukommen. Ich würde ihre Entschlossenheit vielleicht sogar bewundern, wenn sie nicht so verdammt dickköpfig wäre. Es ist, als würde sie sich weigern zuzugeben, dass das Leben ohne Alex anders sein wird als früher. Selbst wenn sie davon redet, das Geschäft zu übernehmen, betont sie noch, dass sie lediglich seinen Anweisungen folgt. Als hätte sie eine Partnerschaft mit einem Toten! Vielleicht unterdrückt sie ihre Trauer und überdeckt sie mit Aktivität!«

»Klingt viel zu tiefschürfend, wenn du mich fragst. Ich bin längst zum Zyniker geworden, was Rachel betrifft. Sie will die Quelle ihres Geldes kontrollieren, so sehe ich die Sache. Und wer kann schon sagen, ihre Instinkte wären nicht voll und ganz entwickelt? Nach allem, was ich gehört habe, war Alex äußerst erfolgreich.« Sie hatten das Ende des Weges erreicht und traten aus dem Schatten der Bäume auf offenes, freies und vom Wind gepeitschtes Gelände. Meredith sog überrascht die Luft ein und vergaß vorübergehend Rachel und ihre ehrgeizigen Pläne. Die Aussicht von hier oben, hoch über der umgebenden Landschaft, war einfach atemberaubend. Der Hügel senkte sich in ein schattiges Tal hinab und stieg auf der anderen Seite wieder an, durchzogen von schmalen Trockenmauern und übersät von kleinen Wäldchen. Ganz gleich, in welche Richtung sie blickte, überall präsentierte sich die gleiche Landschaft, wie hohe Wellen geschwungene Hügel, die sich ringsum erstreckten. In den Tälern sah man die Dächer alter Weiler, und hier und da ragte ein Kirchturm hinter einem Hügel auf und zeugte von einer weiteren Siedlung. Einsame Bauernhöfe klebten an den steilen Hängen. Es war eine Landschaft, an der die Zeit vorübergegangen zu sein schien.

»Ein herrlicher Flecken!«, sagte Meredith ergriffen.

»Kein Wunder, dass der arme Alex ihn so sehr geliebt hat!« Eine Weile suchten sie nach der Stelle, wo die alte Windmühle gestanden haben musste, doch ohne Erfolg.

»Wahrscheinlich wurde sie vollständig abgerissen und die Trümmer weggekarrt«, sagte Markby schließlich, während er mit seinem nützlichen Gehstock Brombeerranken beiseite schob und in das Gewirr dahinter spähte.

»Ich werde diese Frau, Mavis Tyrrell, fragen, sobald ich wieder im Hotel bin.« Bei der Erwähnung des Namens musste Meredith an Molly James und ihren Sohn Nevil denken.

»Molly hat mich gefragt, ob Rachel nicht verkaufen will. Ich denke, sie wird erfreut sein, wenn sie erfährt, dass Malefis Abbey zum Verkauf steht. Nur der arme Nevil wird vor Kummer untröstlich sein.«

»Ah, du meinst den schlaksigen jungen Burschen, der bei der Beerdigung war.«

»Er sieht eigentlich gar nicht so schlecht aus. Die dicke Brille verbirgt es leider. Jedenfalls ist er verrückt nach Rachel. Ich frage mich, wie er auf die Nachricht reagieren wird.« Meredith strich sich ein paar vom Wind zerzauste Strähnen aus den Augen.

»Ich denke, in Rachels Plänen ist kein Platz für ihn.«

»Dann muss Nevil wohl oder übel die bittere Pille schlucken! Er soll froh sein, dass Rachel ihn nicht in ihre großartigen Pläne mit einbezogen hat«, kam Markbys wenig mitfühlende Antwort.

»Jedenfalls setzt Rachel mit dem Verkauf von Malefis einen Schlussstrich unter diese kleine schmutzige Affäre. Sie wird den Staub von Lynstone von ihren teuren Schuhen schütteln, und mit der Zeit wird Nevil darüber hinwegkommen.«

»Ich kann nur nicht glauben, dass alles so glatt zu Ende geht«, sagte Meredith unbehaglich.

»Hör endlich auf, dir deswegen den Kopf zu zerbrechen!« Markby war offensichtlich immer noch daran interessiert, die Überreste der Windmühle zu finden, und nicht in der Stimmung, über Rachels Geisteszustand zu diskutieren. Er hob den Spazierstock und sagte:

»Dort drüben haben wir noch nicht gesucht! Das sieht mir nach einer guten Stelle aus.« Ein schmaler, kaum erkennbarer Pfad wand sich über das Grasland zur Linken. Sie folgten ihm und kamen zu einem Hügel, der sich wie eine große Brandblase über der ihn umgebenden Ebene erhob. Dichtes büscheliges Gras und ein paar vereinzelte Brombeerranken bedeckten ihn mit einem rauen Mantel aus Vegetation im Gegensatz zu der glatten, elastischen Grasnarbe ringsum.

»Hier weht der Wind jedenfalls ziemlich heftig«, brummte Meredith und kuschelte sich in ihren Mantel. Alan war ganz aufgeregt.

»Sieh nur, hier wurde irgendetwas gebaut! Der Boden ist aufgeworfen. Das Gras konnte nicht so gut wachsen wie sonst überall, und die Fläche ist annähernd kreisförmig. Die Stelle ist zu ungeschützt für die Brombeeren, aber das Gras hat sich ganz gut geschlagen.« Merediths Gedanken waren zu heißem Tee gewandert, doch nun erwachte ihr Interesse ebenfalls.

»Vielleicht hat hier etwas viel Interessanteres gestanden als die alte Windmühle? Etwas Prähistorisches? Oder vielleicht ist es ein alter Grabhügel?« Er trat mit der Schuhspitze gegen einen Vorsprung.

»Hier ist Stein unter der Grasnarbe. Nein, ich schätze, das war die Windmühle.« Ihr gerade erst aufgeflackertes Interesse erstarb wieder.

»Sehr schön. Können wir jetzt vielleicht umkehren?« Doch Markby kratzte bereits an der dünnen Erdschicht und bemühte sich, den darunter liegenden Stein freizulegen. Meredith seufzte und wanderte über einen schmalen Pfad zwischen kniehohem Gras, trocken und braun vom vergangenen Winter, obwohl sich das erste frische Grün bereits zeigte. Der Pfad führte zu einer kleinen, ebenen Fläche genau in der Mitte der kreisförmigen Stelle, wo sich die stumpfe Spitze des Erdhügels befand. Der Wind pfiff ihr scharf um die Ohren, bis sie brannten. Sie stieß einen empörten Laut aus.

»Was ist denn?«, rief er.

»Abfall, das ist! Warum müssen die Menschen ihren Dreck an einem so unberührten Ort liegen lassen? Es wäre doch wirklich nicht zu viel verlangt, den Abfall wieder mit nach Hause zu nehmen!« Markby war näher gekommen, während sie gesprochen hatte, und sie deutete auf die Quelle ihrer Verärgerung: Eine zerknitterte Zigarettenschachtel, ein paar leere Bierdosen zusammen mit der Plastikfolie, die sie in einem Sechserpack zusammengehalten hatte, und ein Haufen nasser Zigarettenkippen. Markby betrachtete die Ansammlung von Abfall und das umgebende flache Gras nachdenklich.

»Eine Art Lager«, murmelte er.

»Wer hier oben sitzt, ist von unten nicht zu sehen, versteckt hinter dem hohen Gras. Ich frage mich, wer es war? Jugendliche vielleicht, die sich hier oben zurückgezogen haben, um unerlaubterweise zu rauchen und zu trinken?« Meredith warf ihm einen fragenden Blick zu, doch sie sah, dass er lediglich laut dachte und mit sich selbst sprach.

»Nein«, beantwortete er seine eigene Frage.

»Nein. Nur eine Person. Wahrscheinlich ein Mann. Und so ein Schmutzfink war er auch nicht. Oder zumindest war er sich der Feuergefahr bewusst. Siehst du?« Er deutete mit dem Gehstock auf die Stelle. Ein Loch war in die Grasnarbe gescharrt, und darunter war der steinige Untergrund zu sehen. Es war mit Zigarettenstummeln gefüllt.

»Er ist recht ordentlich und hat sich sogar einen Aschenbecher gebastelt. Mehr noch …«, Markby berührte die leere Schachtel mit der Spitze des Stocks,

»er raucht eine ziemlich noble Marke. Keine Kinder, nein, bestimmt nicht. Irgendjemand, der ordentlich ist und etwas ganz Bestimmtes im Sinn hat.« Meredith blickte hinunter auf das zertrampelte Gras, die Sammlung von Abfall und insbesondere den irdenen

»Aschenbecher«.

»So viele Zigaretten«, sagte sie leise.

»Und die Dosen. Er muss eine ganze Weile hier oben zugebracht haben.«

»Oder er war häufiger hier.«

»Warum? Was hat er hier gemacht?« Der Wind raschelte im umgebenden Gras, und ihr früheres Unbehagen kehrte zurück.

»Er konnte von dieser Stelle aus unmöglich in das Tal sehen, nicht mit all dem hohen Gras ringsum.«

»Wenn du wissen willst, was er gesehen hat, dann gibt es nur einen Weg, das herauszufinden.« Alan reichte ihr seinen Gehstock. Er setzte sich mitten in das niedergetretene Gras an eine Stelle, von wo aus er leicht mit ausgestreckter Hand den

»Aschenbecher« erreichen konnte. Dann stützte er die Arme auf die angezogenen Knie und blickte sich um.

»Ha! Er hatte eine Aussicht, auch wenn sie ein wenig eingeengt sein mag! Er konnte direkt über den flach getretenen Trampelpfad nach unten sehen, in die Richtung, aus der wir hergekommen sind.«

»Und was genau kannst du jetzt sehen?«, fragte Meredith ungeduldig. Markby war verstummt und starrte geradeaus, durch die Gasse aus zertretenem Gras. Er blickte zu ihr auf.

»Malefis Abbey.«

»Was?« Markby sprang auf.

»Sieh selbst’.« Meredith setzte sich vorsichtig an die Stelle, wo Markby gesessen hatte. Die Grasnarbe war hart und bestand wahrscheinlich nur aus einer dünnen Schicht Erdreich über dem alten Fundament der Windmühle, genau wie Markby schon vermutet hatte. Meredith stieß einen erstickten Überraschungsschrei aus. Der Trampelpfad war auf seine Weise so effektiv wie ein Zielfernrohr. Ihr Blick folgte dem Pfad zwischen dem hohen Gras rechts und links den Hügel hinab, durch eine Lücke in den Bäumen direkt zur Vorderseite von Malefis Abbey einschließlich zwei Dritteln der Auffahrt und der Rasenfläche vor dem Haus, alles in verblüffender Deutlichkeit. Die gotischen Fenster und fantasievollen Schornsteine sahen zwischen den umgebenden Bäumen unheimlicher aus als je zuvor, wie ein geheimnisvolles, verwunschenes Schloss in einem Märchen. Erschüttert sagte sie:

»Er konnte jeden sehen, der ins Haus ging oder es verließ.« Sie sah zu Markby hoch und begegnete seinem spöttischen Blick. Er hatte sie beobachtet.

»Alan, er hat das Haus überwacht! Er hat spioniert! Meinst du, dass er ein Fernglas dabeihatte? Jede Wette, dass er eins hatte! Er hat hier oben gesessen und jeden Besucher überprüft, der ins Haus gegangen ist! Wahrscheinlich hat er uns gestern alle gesehen, als wir zur Beerdigung gegangen sind! Vielleicht war er auch am Freitagmorgen hier, als ich angekommen bin! Falls ja, hat er mich vorfahren sehen, hat gesehen, wie ich ausgestiegen bin und mit Martin gesprochen habe, wie Martin meine Koffer ins Haus getragen hat … Und er wusste, dass ich bleiben würde!« Sie brach ab und ließ die Schlussfolgerung unausgesprochen, die da lautete: Und dann hat er angefangen, meinen Unfall zu planen! Stattdessen sagte sie:

»Er kann weder das Tor noch die steinerne Ananas sehen. Sie sind hinter den Bäumen versteckt. Aber vielleicht hat er trotzdem Bescheid gewusst.« Alan reichte ihr die Hand und half ihr hoch. Sie klopfte sich das trockene Gras und den Schmutz aus der Kleidung.

»Wer ist er, Alan?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete Markby.

»Aber es muss jemand sein, der sehr großes Interesse an Malefis Abbey hat.« Was weder Meredith noch Alan Markby von ihrem Aussichtspunkt aus gesehen haben konnten, selbst wenn sie zur rechten Zeit in die richtige Richtung geblickt hätten, war Gillian Hardy. Sie hatte sich von der Rückseite an Malefis Abbey herangeschlichen, durch den Garten, nachdem sie sich durch eine halb verborgene Tür in der Ummauerung Zutritt verschaff hatte. Sie wusste, dass es der gleiche Weg war, den Nevil normalerweise von der Tierpension aus nahm, während sie über den schmalen Pfad durch das Gebüsch wandere. Der Gedanke bedrückte sie und zementierte zugleich ihren Entschluss. Mavis war am Morgen in der Tierpension aufgelaufen, um sich zum Kaffee einzuladen, und hatte sie darüber informiert, dass der gut aussehende Polizist, der früher einmal mit Mrs. Constantine verheiratet gewesen war, mit Rachels alter Schulfreundin zu einem Spaziergang aufgebrochen war. Er hatte sich einen Spazierstock ausgeliehen, also sah alles danach aus, als sollte es eine größere Tour werden. Gillian hatte eine Entschuldigung gemurmelt und war nach draußen geschlüpft. Vielleicht bot sich für einige Zeit keine weitere Gelegenheit mehr, Rachel zu stellen, während ihre Freunde aus dem Weg waren. Sie berührte ihre Jackentasche und hörte das Knistern darin. Das kann Rachel unmöglich ignorieren!, dachte sie triumphierend. Am Rand des Gestrüpps blieb sie stehen, um das Haus zu beobachten, das in einiger Entfernung hinter dem weitläufigen Rasen lag. Während sie hinsah, verließ eine Gestalt den Küchenflügel. Es war Mrs. Pascoe, und sie war angezogen, als wollte sie zum Einkaufen. Gillian sah, wie die Haushälterin in einen kleinen Mini stieg, der neben der Küchentür geparkt stand, und Kieselsteine aufwirbelnd davonfuhr. Umso besser, dachte Gillian. Rachel war jetzt ganz allein im Haus. Trotzdem zögerte Gillian immer noch. Falls sie zur Vordertür ging und klingelte, würde Rachel ihr womöglich die Tür vor der Nase zuschlagen, bevor sie etwas sagen konnte. Warum machte sie nicht das Gleiche wie Nevil und nahm sich die Freiheit, uneingeladen durch die Orangerie hereinzuspazieren? Nevil hatte es immer so gemacht, bevor Alex gestorben war, in der ein wenig leichtfertigen Annahme, dass er als Freund der Familie befrachtet wurde, und nach Alex’ Tod hatte er es in seiner Eigenschaft als Pfleger der Kanarien weiter getan. Gillian gab ein verächtliches Schnauben von sich. Doch sie hatte einen Entschluss gefasst. Bedächtig setzte sie sich in Richtung des anderen Flügels in Bewegung, wo die Orangerie an die Seite des Hauses angebaut war. Die Sonne funkelte auf dem schrägen Glasdach, und sie bemerkte flüchtig die viktorianische Pracht der Konstruktion. Die zum Garten führende Tür war unverschlossen. Gillian drückte die Türe auf und trat leise ein. Ein Schwall heißer Luft schlug ihr entgegen, zusammen mit dem durchdringenden Geruch von Orangenblüten. Die Kanarien spürten den Luftzug und dass jemand eingetreten war. Sie flatterten aufgeregt durch ihre Voliere, und obwohl Gillian eigentlich gekommen war, um Rachel zu suchen, wurde sie von dem Anblick angezogen und trat näher, um die Vögel zu betrachten. Sie liebte alle Tiere ohne Unterschied, aber sie hatte nur wenig mit Vögeln zu tun. Die Kanarien taten ihr Leid, wie sie in dem beengten Raum ihrer Voliere umherflatterten. Es war reiner Luxus, verglichen mit allen anderen Vogelkäfigen, die sie kannte, trotzdem schien es Gillian irgendwie falsch, dass diese freiesten aller Geschöpfe Gottes durch Menschenhand so in ihrem Bewegungsspielraum eingeengt waren. Vielleicht spürte Gillian mehr Mitleid mit ihnen, weil sie genau wusste, wie es war, in einer Situation gefangen zu sein, die materiell vielleicht nicht unkomfortabel, doch in jeder anderen Hinsicht nur frustrierend war. Auch Gillian wünschte, sie könnte ihre Flügel ausbreiten und einfach davonfliegen, ganz weit weg. Doch sie liebte ihre Eltern, und sie wusste, dass sie ihre Eltern niemals würde verlassen können. Und sie liebte Nevil, obwohl sie wusste, dass sie ihn niemals bekommen würde. Wenigstens das hier konnte sie für ihn tun. Sie konnte ihn aus Rachel Constantines Klauen befreien. Bei diesem Gedanken zog sie eine der entstellten Fotografien von Mrs. James aus der Tasche und betrachtete sie eifrig. Sie hatte nur eins der beiden Bilder mitgebracht. Das andere ruhte in seinem Versteck in Gillians Schlafzimmer. Dieses Bild hier würde die Dinge ein für alle Mal in Ordnung bringen. Gillian erinnerte sich an den Tag, an dem sie den Umschlag aus Manilapapier gefunden hatte. Er hatte ihre Aufmerksamkeit erweckt, wie er aus dem schwelenden Tiermist geragt hatte, den sie regelmäßig verbrannten. Normalerweise war Gillian nicht besonders neugierig, doch irgendeine dunkle Ahnung hatte sie bewogen, das rauchende Stroh zur Seite zu schieben und den Umschlag mit der Schaufel herauszuziehen, bevor das Feuer ihn erfassen konnte. Der Umschlag war an den Rändern ein wenig angesengt gewesen, doch der Inhalt war unbeschädigt geblieben. Hier und jetzt, in diesem Augenblick der Erinnerung, spürte Gillian immer noch den gleichen Schock wie damals, als sie zum ersten Mal gesehen hatte, was sich in diesem Umschlag verbarg. Schock, gefolgt von Aufregung, weil sie zwei Fotografien in den Händen gehalten hatte, die ihr eines Tages vielleicht die Macht geben würden, die Dinge zu ändern. Gillian wollte sich von der Voliere abwenden, doch als sie es tat, bemerkte sie, dass die Wasserschale leer war, die unten am Boden stand. Die kleinen Vögel hüpften trostlos um die Schale herum. Einer war sogar hineingesprungen und saß nun in der Mitte, als erwartete er, dass das Wasser zurückkehrte. Gillians Verantwortungsbewusstsein drängte augenblicklich jeden anderen Gedanken in den Hintergrund. Sie war ein Mensch, der sein ganzes Leben damit verbracht hatte, sich um die Nöte von Tieren zu kümmern. Also stopfte sie das Bild achtlos in ihre Tasche zurück und blickte sich suchend um. Ja, dort war ein Wasserhahn, über einem italienischen Marmorbecken. Vorsichtig öffnete Gillian die Drahttür der Voliere und schob sich hinein. Die Vögel flatterten alarmiert auf. Gillian schloss hinter sich die Tür, bevor eines der Tiere entweichen konnte, und holte die leere Schüssel. Dann verließ sie die Voliere wieder, mit genau der gleichen Sorgfalt, und ging zum Hahn, um die Schüssel zu füllen. Wie typisch das doch für Rachel ist, dachte sie ärgerlich, während das Wasser lief, die armen Tiere dursten zu lassen! Normalerweise war es das Erste, was man am Morgen tat – nachsehen, ob die Tiere versorgt waren. Jeden Morgen! Doch sie wartete wahrscheinlich auf Nevil und darauf, dass er sich um alles kümmerte. Nun, Nevil würde nicht mehr viel länger kommen! Er würde wütend sein, natürlich, wenn er herausfand, was Gillian getan hatte. Doch es war zu seinem Besten, dass sie es tat. Manchmal musste man grausam sein, um Gutes tun zu können, es ging eben einfach nicht anders. Wenn Nevil erst einmal nicht mehr unter Rachels Einfluss stand und seinen Kummer überwunden hatte, würde er verstehen. Und er würde Gillian verzeihen. Sie trug die gefüllte Wasserschüssel zur Voliere und trat ein. Die Vögel hoch oben im Orangenbaum beobachteten sie, als sie sich bückte und die Schale an ihren alten Platz zurückstellte.

»Was machen Sie hier?« Die Stimme kam von hinter ihr, die Worte leise und anklagend. Gillian stieß einen unterdrückten Schreckensruf aus und erhob sich hastig, wobei sie sich zur Tür der Voliere umdrehte.

»Die Vögel …«, plapperte sie.

»Die Vögel hatten kein Wasser mehr … ich habe die Schüssel gefüllt, dort drüben am Wasserhahn.« Sie deutete nervös auf das italienische Becken.

»Ich möchte wissen, was Sie überhaupt hier machen? Sie haben hier nichts zu suchen. Sind Sie vielleicht eine Diebin?« Der Draht war zwischen ihnen, doch Gillian befand sich in der Voliere, und sie hatte das überwältigende Gefühl, in der Falle zu sitzen. Die Ungerechtigkeit der Anschuldigung steigerte ihre Panik. Sie zerrte die entstellte Fotografie aus der Tasche.

»Nein! Selbstverständlich bin ich nicht hergekommen, um zu stehlen! Ich habe das hier mitgebracht!« Trotzig hielt sie das Bild hoch. Ein leiser Seufzer.

»Geben Sie es mir.« Die Drahttür wurde geöffnet, und Gillian war nicht mehr allein in der Voliere. Eine Hand griff nach der Fotografie.

»Nein!« Gillian stolperte zurück, stieß die frisch gefüllte Wasserschüssel um und verschüttete den Inhalt auf den sandigen Boden. Sie packte das Bild fest und drückte es an ihre Brust.

»Wie dumm Sie doch sind«, sagte die leise Stimme.

»Und wie hässlich.«

Ein paar Minuten später klickte die Drahttür der Voliere ins Schloss. Die Vögel hatten sich auf die obersten Zweige ihres Baums zurückgezogen, wo sie sich schweigend und furchtsam dicht zusammendrängten. Das einzige Geräusch stammte vom Wasserhahn, der in das italienische Becken tropfte, ein monotones, leises, unablässiges Platschen, als ein Tropfen nach dem anderen auf dem Marmor zerplatzte. Schließlich flog ein Kanarienvogel, tapferer als seine Artgenossen, hinunter zum sandigen Boden der Voliere. Er hüpfte zur Wasserschüssel, sprang auf den Rand und trank. Die anderen fassten Mut. Auch sie kamen herab, und durstig wie sie waren, entstand bald ein Gedränge an der Schüssel. Der erste Kanarienvogel stieg aus dem Getümmel auf und landete auf dem Kopf der reglos daliegenden Gestalt in der Ecke der Voliere. Auf seinem neuen Aussichtspunkt angekommen, öffnete er den Schnabel und begann zu zwitschern.

KAPITEL 16

Als Meredith und Alan

Markby nach Malefis Abbey zurückkamen, war Mrs. Pascoe gerade dabei, einen Stapel dicker Einkaufstüten vom Supermarkt aus dem Mini zu laden. Sie eilten herbei und halfen ihr, die schweren Tüten in die Küche zu tragen.

»Ich schätze, das habe ich die längste Zeit gemacht«, sagte die Haushälterin, während sie die Einkäufe flink in der Speisekammer, im Kühlschrank oder in der Tiefkühltruhe verstaute.

Meredith wechselte einen Blick mit Markby, der nur die Schultern zuckte.

»Hat Mrs. Constantine …?« Meredith zögerte.

»Ob sie mir gesagt hat, dass sie das Haus verkaufen will?« Mrs. Pascoe wandte sich in der Speisekammer um. Sie hielt ein Paket Puderzucker in der Hand.

»Ja. Nach dem Frühstück ist sie zu mir gekommen. Ich kann nicht sagen, dass ich überrascht war. Ich konnte mir denken, dass sie nicht mehr hier leben will, allein und ohne Mr. Constantine. Ich habe nie ein Paar gekannt, das sich so sehr geliebt hat. Es ist nicht übertrieben, wenn ich sage, dass sie füreinander geschaffen waren.« Sie starrte auf den Puderzucker in ihrer Hand, als wüsste sie mit einem Mal nicht mehr, wo er so plötzlich hergekommen war, und murmelte:

»O ja!« Dann wandte sie sich wieder um und stellte das Paket in das Regal hinter ihr.

»Es tut mir sehr Leid, wie Sie sich denken können. Ich war sehr glücklich in diesem Haus.«

»Wissen Sie schon, was Sie dann machen werden?«, fragte Markby. Mrs. Pascoe faltete die leeren Einkaufstüten zusammen.

»Ich werde eine Weile in Urlaub gehen, denke ich. Mr. Constantine war so freundlich, mich in seinem Testament zu erwähnen. Es ist noch nicht eröffnet, doch wenn es so weit ist, habe ich für eine Weile keine Geldsorgen mehr. Colonel Soames und seine Frau, hier aus Lynstone, waren gestern beim Büfett und haben gesagt, falls ich einmal nach einer neuen Anstellung suchen würde, solle ich an sie denken. Aber ich weiß nicht, ob ich hier bleiben möchte, mitten unter so vielen traurigen Erinnerungen.« Sie riss sich zusammen. Forsch fuhr sie fort:

»Was halten Sie von einem Mittagessen? Ich wollte einen Salat oder so etwas machen. Wir haben noch reichlich kaltes Fleisch von gestern übrig und die Pastete, die Sie gekauft haben, Miss. Wie wäre es damit? Dazu gibt es frisches Vollkornbrot und Butter.«

»Was hältst du davon?«, flüsterte Meredith, als sie die Küche verließen.

»Von was?«

»Du weißt schon, was ich meine! Dieses ununterbrochene Gerede davon, wie sehr sie sich geliebt haben, Alex und Rachel. Ich habe während unseres Spaziergangs Zeit gehabt, um darüber nachzudenken, und ich denke, irgendetwas stimmt da nicht!«

»Es scheint die allgemein verbreitete Meinung zu sein, also vermute ich, dass es nichts daran auszusetzen gibt.« Markby zog die Schultern hoch.

»Ich kann nicht sagen, dass Rachel und ich in unserer kurzen gemeinsamen Zeit wunschlos glücklich gewesen wären, aber ich versuche, mich nicht davon gegen sie einnehmen zu lassen. Ich bin sicher, sie und Alex sind wunderbar miteinander ausgekommen. Er war genau die Sorte Mann, nach der sie ihr ganzes Leben lang gesucht hat. Jede Wette, dass sie am Boden zerstört ist.«

»Ist sie das tatsächlich? Das dachte ich auch, bis ich sie heute Morgen gehört habe. Jetzt weiß ich nicht mehr, was ich denken soll! Sie ist plötzlich voller Energie, will sich in ihr neues Leben stürzen und hat Witze gemacht über das Frühstück damals in der Schule! Oh, sicher, sie hat Lippenbekenntnisse von sich gegeben, wie sehr sie Alex doch vermisst, und immer wieder betont, welch ein Heiliger er doch war und dass sie ihn niemals vergessen wird, doch in Wirklichkeit hatte sie nur den Verkauf von Malefis Abbey im Kopf und dass sie das Geschäft ihres toten Mannes übernehmen will! Wir haben ihn erst gestern beerdigt, Alan! Entweder, sie redet sich ein, dass er noch immer an ihrer Seite ist, was ich anfangs dachte, oder … oder …« Meredith zögerte, dann platzte sie heraus:

»Oder sie spielt uns etwas vor! Ich weiß nicht, was ich denken soll!«

»Frag mich nicht!«, gab Markby ärgerlich zurück.

»Außerdem geht es uns nichts an, Meredith. Ich persönlich bin froh, dass Rachel nun neue Interessen gefunden hat. Es bedeutet, dass du und ich umso schneller von hier verschwinden können. Mit ein wenig Glück hat sie morgen, wenn sie aus London zurückkommt, schon beschlossen, dass sie uns nicht länger braucht. Wir veranstalten ein gemeinsames Abschiedsessen und dann – stell dir vor, am Freitag könnten wir schon beide zurück in Bamford sein!« Das klang verlockend, und beide seufzten unisono und aus vollem Herzen. Wie durch alte Gewohnheit waren sie in Richtung der Orangerie gegangen. Bisher hatten sie noch keine Spur vom Gegenstand ihrer Unterhaltung gesehen, doch Rachel musste irgendwo im Haus stecken.

»Das war ein ziemlich ermüdender Spaziergang«, sagte Meredith, als sie den großen Anbau mit den gläsernen Wänden betraten.

»Ich bin froh, wenn ich mich vor dem Essen noch fünf Minuten setzen und einfach nur diesen Vögeln zusehen kann.«

»Ich gehe und suche Rachel, dann können wir vor dem Essen einen Sherry nehmen«, sagte Markby und wandte sich zur Tür.

»Alan!« Das Entsetzen in ihrer Stimme ließ ihn für einen Augenblick erstarren, dann wirbelte er herum.

»Was ist denn?«

»Sieh nur … da drin …«, flüsterte Meredith und deutete auf die Voliere, die Augen vor Schreck und Abscheu geweitet. Markbys Blick folgte ihrer zitternden Hand. Die Kanarienvögel hüpften und flatterten scheinbar unbekümmert umher, trotz der Tatsache, dass auf dem Boden ihrer Voliere, an die Wand aus Maschendraht gelehnt, eine junge Frau saß. Markby drückte Meredith beruhigend die Schulter, als er an ihr vorbei und zum Draht eilte, um die groteske, stille Gestalt von der anderen Seite zu betrachten. Er kannte sie nicht. Vermutlich war sie eine Einheimische. Sie trug Arbeitskleidung, braune schwere Kordhosen, feste Schuhe und eine alte Tweedjacke. Ihre Augen und ihr Mund standen offen, das schlecht geschnittene Haar hing unordentlich rechts und links an ihrem Gesicht herab. Markby betrachtete sie mit dem leidenschaftslosen Auge des Polizisten. Sie war nie eine Schönheit gewesen, so viel stand fest. Ihr Teint war schlecht, ihre Gesichtszüge plump. Jetzt war sie über und über mit Vogelexkrementen beschmutzt. Sie sah aus wie eine Vogelscheuche, die jemand achtlos weggeworfen hatte, weil er sie nicht mehr brauchte.

»Warte dort«, sagte er leise über die Schulter zu Meredith. Er öffnete vorsichtig die Volierentür. Die Kanarien flatterten hinauf in den Orangenbaum. Markby schlüpfte durch den schmalen Spalt und schloss hinter sich die Tür. Bevor er sich der zusammengesunkenen Gestalt näherte, sah er sich den sandigen Boden der Voliere genauer an. Er war ziemlich aufgewühlt, und um nicht mögliche Spuren zu verwischen, ging er vorsichtig um den Baum herum und näherte sich dem Leichnam von der anderen Seite. Denn ein Leichnam war es, so viel stand fest. Nichtsdestotrotz musste er nachsehen. Er beugte sich über sie und suchte nach einem Lebenszeichen. Die blicklosen Augen, blass und blau, starrten ihn an. Sie hatten bereits angefangen sich zu trüben. Die Tote hatte ein Bein angezogen, das andere lag ausgestreckt vor ihr. Ihre Arme hingen schlaff an den Seiten herab, und ihre Hände mit den kurzen Stummelfingern und der rauen Haut lagen mit der Handfläche nach oben im Sand. Ihr Wollpullover unter der Tweedjacke war dunkel und glänzte feucht von etwas, das nur Blut sein konnte. Vorsichtig schob Markby seine Finger an die Stelle, wo ihre Halsschlagader hätte pulsieren müssen, doch er wusste, dass es sinnlos sein würde. Sie war noch nicht kalt. Höchstens eine Stunde oder so, dachte er bei sich. Viel länger kann sie nicht tot sein. Er sah auf seine Armbanduhr. Zwölf Uhr vierzig. Also gegen elf Uhr an diesem Morgen, während er und Meredith auf den Windmill Hill geklettert waren und Mrs. Pascoe Einkäufe in der Stadt gemacht hatte. Er berührte den Leichnam nicht mehr, obwohl er zu gerne den Arm der Toten angehoben hätte, um zu sehen, wie weit die Leichenstarre fortgeschritten war. Doch das alles musste er anderen überlassen. Er bemerkte die ersten Anzeichen, den herabhängenden Unterkiefer. Der weit offen stehende Mund verstärkte noch die allgemeine Unansehnlichkeit des Gesichts. Dann, als er sich wieder aufrichtete, sah er, dass die Finger der einen Hand etwas hielten. Er bückte sich erneut, um es zu betrachten. Es war nur ein abgerissener Fetzen Papier. Doch es sah nicht aus wie gewöhnliches Papier, eher wie eine Art Karton. Er wünschte, er könnte es besser sehen, doch ohne es aus ihrem Griff zu lösen, was überhaupt nicht in Frage kam, konnte er es nicht deutlich erkennen. Es schien dreieckig zu sein, mit zwei glatten Seiten und einer zerfetzten. Eine Ecke von einem Stück also, das jemand ihr aus den Fingern gerissen hatte, während sie versucht hatte, es festzuhalten. Eine Seite war weiß und leer, die andere glänzend und bunt. Ein großes Foto!, dachte Markby. Es muss eine Ecke von einem großen Foto sein!

»Alan?« Merediths Stimme war genau hinter ihm.

»Ich komme.« Er zog sich auf dem gleichen Weg aus der Voliere zurück, auf dem er eingetreten war, und ging zu ihr. Sie war sehr blass, aber nicht in Panik.

»Tot, fürchte ich«, bestätigte er Merediths Vermutungen.

»Ich werde augenblicklich Hawkins anrufen. Du weißt nicht rein zufällig, wer sie ist, oder?«

»Doch. Gillian Hardy. Das arme Ding – sie arbeitet … sie hat als Gehilfin bei Molly James in der Tierpension gearbeitet.«

»Oh?« Markby runzelte die Stirn.

»Kam sie häufiger hierher zu Besuch?«

»Kann ich mir nicht vorstellen. Ich hab sie jedenfalls nie hier gesehen.« Meredith zögerte.

»Sie … ich glaube, sie war ziemlich verliebt in Nevil James, Mollys Sohn.« Sie sah Markby aus sorgenvollen Augen an.

»Wo steckt Rachel?«

»Mein Gott! Rachel! Bleib hier und lass niemanden rein, auch nicht Mrs. Pascoe! Ich komme so schnell zurück, wie ich kann. Fass nichts an!« Markby rannte durch die Glastür ins Haus und brüllte:

»Rachel! Rachel, wo steckst du? Ist alles in Ordnung mit dir?« Zu seiner Erleichterung hörte er ihre Stimme von irgendwoher:

»Alan! Ich bin im Arbeitszimmer! Was ist denn los?« Der erste Anflug von Erleichterung schwand und wurde von Niedergeschlagenheit abgelöst, während er in die Richtung rannte, aus der ihre Stimme gekommen war. Sie saß in einem kleinen Arbeitszimmer an einem Schreibtisch, der mit Papieren übersät war. Selbst in diesem Augenblick von Fassungslosigkeit verlor er noch ein wenig mehr die Fassung, als er sah, dass sie zum Lesen eine Brille aufgesetzt hatte. Markby hatte nicht gewusst, dass sie eine benötigte, und mit einem Gefühl von aufwallender Traurigkeit dachte er, dass selbst Rachel älter wurde. Sie sah auf, als er eintrat, und er war erstaunt über den Unterschied im Aussehen, den die Brille bei ihr bewirkte. Sicher, sie stand ihr gut, doch sie verwandelte Rachel in einen anderen Menschen. Ja, dachte Markby. Sie ist jetzt eine Geschäftsfrau! Sie bemerkte seine Überraschung, verzog das Gesicht, setzte die Brille ab und schob das dichte, honigfarbene Haar mit beiden Händen nach hinten.

»Alan? Seid ihr schon zurück? Du hast mein kleines Geheimnis entdeckt!« Sie winkte mit der Brille in der Hand, dann sah sie auf ihre Armbanduhr.

»Meine Güte, schon so spät? Mrs. Pascoe hat bald das Mittagessen fertig. Komm, wir gehen nach unten und nehmen einen …«

»Rachel!« Sie hatte sich halb aus ihrem Sessel erhoben und erstarrte nun mit einer Hand auf der Lehne. Markby sah, wie zuerst Überraschung, dann Schrecken in ihren Augen stand.

»Was ist passiert, Alan? Ist etwas mit Meredith? Sie hatte doch wohl nicht noch einen Unfall?«

»Nein. Setz dich, Rachel. Ich möchte dir ein paar Fragen stellen. Überleg genau, bevor du antwortest. Es ist wichtig!« Sie setzte sich und starrte ihn halb verwirrt, halb amüsiert an.

»Was hat das alles zu bedeuten? Willst du mich in die Mangel nehmen? Meine Güte, warum siehst du mich so ernst an?« Er ignorierte ihre Worte und fragte rundheraus:

»Wo warst du den Morgen über, seit Meredith und ich zu unserem Spaziergang aufgebrochen sind?«

»Hier! Wo sonst? Sieh dir all diesen Papierkram an! Wer soll ihn erledigen, wenn ich mich nicht selbst hinsetze?«

»Du hast das Zimmer nicht verlassen? Ganz sicher nicht? Denk nach, Rachel!«, drängte er.

»Warst du vielleicht am Telefon oder im Badezimmer? Irgendwo?« Sie zog die sauber nachgezogenen Augenbrauen hoch.

»Ich hab ein eigenes Telefon hier drin!« Sie deutete auf den Apparat.

»Ich war die ganze Zeit über hier! Alan, warum stellst du diese Fragen?« Er beachtete ihren Einwand nicht.

»Also schön. Hast du Besucher empfangen? Irgendjemanden? Hast du jemanden draußen vor dem Fenster vorbeilaufen sehen?« Jetzt wurde sie sichtlich ärgerlich. Sie funkelte ihn aus grünen Augen an.

»Nein! Alan, was um alles in der Welt hat das zu bedeuten? Irgendein albernes Spiel? Ist dir dein Beruf zu Kopf gestiegen? Reicht es nicht, dass ich mich mit Hawkins …«

»Das ist kein Spiel, Rach. Besser, du machst dich auf das gefasst, was ich dir jetzt sagen muss. Es hat eine weitere Tote gegeben. Ein Mädchen namens Gillian Hardy.«

»Hardy? 1st das nicht dieser große, unbeholfene Trampel, der bei Molly James die Zwinger säubert? Was meinst du damit, sie ist tot? Ist in der Tierpension etwas passiert?«

»Es ist hier passiert, Rachel. Sie liegt in der Orangerie. Hawkins kommt bald hierher.« Verspätet fügte er hinzu:

»Es tut mir Leid, Rachel.« Sie schüttelte den Kopf, die Augen voller Angst und Unverständnis.

»Aber das ist unmöglich! Tot in meinem Wintergarten? Was hatte sie dort zu suchen?« Panik in der Stimme.

»Aber wenn es stimmt, dann wird Hawkins mich auf kleiner Flamme grillen, wegen dieser Sache genauso wie wegen Alex! Er wird mir noch mehr Scherereien machen als bisher! Warum muss das ausgerechnet mir passieren? Was ist denn bloß los? Dann wird es hier vor Polizisten nur so wimmeln!« Sie stürzte vor und griff nach seinen Händen.

»Das darfst du nicht zulassen! Erklär ihnen doch, dass ich das alles nicht mehr aushalte! Ich kann keine Fragen mehr beantworten! Und außerdem weiß ich nichts über dieses Mädchen oder warum es tot ist! Halte diese Leute von mir fern, Alan!«

»Das kann ich nicht«, erwiderte er ernst. Er löste die Hände aus ihrem Griff und legte sie ihr stattdessen beruhigend auf die Schultern.

»Ich werde jetzt gehen und Hawkins anrufen. Er ist wahrscheinlich im Hotel. Kopf hoch, Rachel! Es ist ein Schock, aber wenn du die ganze Zeit hier drin gewesen bist und nichts von alledem weißt, sag ihnen das einfach, dann hast du nichts zu befürchten.« Die Panik in ihren Augen wich Zorn gepaart mit dem ihr eigenen Starrsinn. Sie riss sich gewaltsam von ihm los.

»Ich soll das alles ertragen für etwas, das überhaupt nichts mit mir zu tun hat?! Nein, das kommt nicht in Frage, unter keinen Umständen.« Und mit blitzenden grünen Augen fügte sie hinzu:

»Es sollte eigentlich deine Aufgabe sein, Alan, mich vor alledem zu schützen!«

KAPITEL 17

Die Polizei hatte ein lokales Einsatzzentrum im rückwärtigen Teil des Lynstone House Hotel errichtet. Der kleine Besprechungsraum lag in der Nähe der Hotelküche, und Markby stieg der Geruch von gebratenen Zwiebeln in die Nase. Der Duft machte ihn hungrig, obwohl er am Morgen sehr gut gefrühstückt hatte. Er rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her und fragte ohne viel Hoffnung:

»Ist noch etwas Kaffee in der Kanne?«

»Das bezweifle ich«, antwortete Sergeant Weston, doch er nahm den Deckel ab und sah hinein.

»Nein. Ich gehe Mrs. Tyrrell bitten, ob sie uns neuen macht.« Während der Sergeant die Besorgung erledigte, lehnte Markby sich zurück und musterte die beiden anderen. Sie starrten hölzern zurück. Es herrschte vollkommenes Schweigen. Einschließlich des abwesenden Weston waren sie an diesem Morgen, dem Tag nach der Entdeckung von Gillian Hardys Leichnam, zu viert in der Einsatzzentrale: Markby selbst, Superintendent Hawkins, Weston und ein neuer Beamter, einer von Westons Vorgesetzten, ein Chief Inspector Selway. Selway war nun mit von der Partie, weil dieser letzte Mord in seinem Zuständigkeitsbereich stattgefunden hatte und genau genommen nicht Hawkins Fall war, auch wenn er aller Wahrscheinlichkeit nach mit diesem in Verbindung stand. Das hier war Selways Revier, Selways Ermittlung und Selways Einsatzzentrum. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass Selway, obwohl Hawkins der ranghöhere Beamte war, die Leitung der Ermittlungen übernommen hatte. Es würde, sinnierte Markby nicht ohne eine gewisse Schadenfreude, ein paar sensible und sehr genau abgesteckte Grenzen und deshalb auch ein paar ziemlich platt getrampelte Constable-Zehenspitzen geben. Hawkins sah schon jetzt wenig zuversichtlich aus, etwas, das Markby kurze Zeit zuvor für schlichtweg unmöglich gehalten hatte. Seine Gesichtszüge besaßen etwa den Ausdruck von Verzweiflung, den Masken im griechischen Drama zeigten, und er hing, dürr wie er war, über dem Tisch wie ein halb aufgeklappter Deckstuhl auf einem Kreuzfahrtschiff. Hawkins wirkte alles andere als glücklich über die Entwicklung. Selway war in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Kollegen aus London: Ein breitschultriger, raubeiniger Bursche mit kleinen, listigen Augen in einem roten Gesicht. Er trug eine abgewetzte Tweedjacke und rauchte Pfeife. Der Tabakqualm war der Grund dafür, dass eines der Oberlichter geöffnet worden war, durch das nun im Gegenzug der Duft nach gebratenen Zwiebeln hereinkam. Manchmal kann man einfach nicht gewinnen, dachte Markby. Oder jedenfalls sah es so aus, als könnte er es nicht. Gestern noch hatte er mit Meredith darüber gesprochen, spätestens bis Freitag zurück in Bamford zu sein, und jetzt sah es danach aus, als müsse er seine Rückkehr auf unbestimmte Zeit verschieben. Sowohl er als auch Meredith hätten besser daran getan, ein wenig hartherziger zu sein und unmittelbar nach Alex’ Beerdigung abzureisen. Der Tag, der nach der Entdeckung von Gillian Hardys Leiche vergangen war, war äußerst chaotisch verlaufen. Die Mannschaft der Spurensicherung war mitsamt all ihren Geräten in Malefis Abbey eingefallen. Man hatte die gesamte Orangerie einschließlich der Voliere abgesperrt, zum großen Schrecken ihrer gefiederten Bewohner, die ihre Missbilligung auf die althergebrachte, allen Vögeln eigene Weise demonstriert hatten. Dies wiederum hatte den Männern der Spurensicherung nicht gefallen, und sie hatten sich schließlich aus der Voliere zurückgezogen, um unter leisem, wütendem Fluchen ihre Kleidung, Kameras, Scheinwerfer und die restliche Ausrüstung mit Kleenextüchern abzuwischen. Nachdem der Leichnam entfernt und auf seine traurige Reise ins Leichenschauhaus gebracht worden war, hatten sich die Ermittlungen zunächst auf Rachel konzentriert. Markby zuckte immer noch innerlich zusammen, als er daran dachte. Rachel hatte eine Demonstration in Schauspielkunst abgeliefert, die selbst die berühmte Sarah Bernhardt in den Schatten gestellt hätte. Sie hatten Dr. Staunton rufen müssen. Selway, der Rachel vorher noch nicht gekannt hatte, war ziemlich ratlos gewesen. Markby und Meredith hatten kurz geschildert, wie sie den Leichnam gefunden hatten, und waren anschließend informiert worden, dass man sie zu einem späteren Zeitpunkt eingehend vernehmen würde. Daher Markbys Anwesenheit hier und heute. Alles noch einmal durchgehen zu müssen, war sowohl ermüdend als auch ärgerlich, und es war eine heilsame Lektion darüber, wie sich Zeugen fühlten. Er würde in Zukunft verständnisvoller sein. Trotzdem, es war immer noch besser als in Malefis Abbey zusammen mit Rachel sitzen zu müssen. Nachdem ihre Fahrt nach London unabänderlich gestrichen war und weitere polizeiliche Vernehmungen in Aussicht standen, war sie so umgänglich wie eine hungrige Tigerin. Meredith hielt sich tapfer, doch Markby merkte ihr an, dass sie die Nase langsam gestrichen voll hatte. Sie sei, hatte sie ihm bissig mitgeteilt, keine psychiatrische Krankenpflegerin, und sie kam überhaupt nicht mit der Situation zurecht. Sie schien zu glauben, dass Markby aus seiner früheren Ehe mit Rachel gewappnet war, mit dieser Art von Gemütszuständen umzugehen, als könnte er irgendeine magische Formel sprechen, um Rachel zu beruhigen. Hoffnungslos. Rachel gab ihm die Schuld dafür, dass die Polizei sie belästigte. Hawkins machte ihn dafür verantwortlich, dass sich ein weiterer Mord ereignet hatte, und selbst Mrs. Pascoe schien zu glauben, dass Markby ihnen allen das Mittagessen verdorben habe. Kurz gesagt: Alle hatten sich auf ihn eingeschossen. Selway klopfte mit seinem Pfeifenkopf auf das maschinengeschriebene Blatt vor sich.

»Und sonst haben Sie nichts zu sagen, Markby? Fällt Ihnen wirklich nichts mehr ein, das vielleicht Licht auf diese Sache werfen könnte? Sie kennen die Situation besser als wir.«

»Nein, mehr weiß ich nicht zu sagen!«, antwortete Markby verärgert.

»Mir scheint aber, als müssten Sie noch etwas wissen«, entgegnete Selway ungerührt.

»Sie waren früher mit Mrs. Constantine verheiratet, und wie es scheint, waren Sie bei allen, äh, signifikanten Ereignissen in der Nähe.« Reine Zeitverschwendung, zum wiederholten Male zu erklären, dass er genau wie Meredith bis zu jenem verhängnisvollen Besuch der Chelsea Flower Show Rachel seit Jahren nicht gesehen hatte. Oder dass Gillian Hardy mausetot gewesen war, als sie sie gefunden hatten.

»Im Augenblick fällt mir nichts mehr ein«, sagte Markby deswegen scharf.

»Aber sollte ich mich an etwas erinnern, werde ich Sie selbstverständlich auf der Stelle informieren.«

»Ja, natürlich«, murmelte Selway beschwichtigend. Weston kehrte zurück, gefolgt von einer aufgeregten, hochroten Mavis Tyrrell, die ein Tablett mit frischem Kaffee und sauberen Tassen trug. Sie wechselte es gegen das Tablett mit dem benutzten Geschirr aus und fragte:

»Werden Sie alle zu Mittag essen, Gentlemen?« Ein konfuses Gemurmel war die Reaktion, und Selway ergriff im Namen aller das Wort.

»Ja. Sagen Sie Troughton, gegen ein Uhr wäre es uns recht.«

»Das ist gut. Ich werde einen Tisch in einer stillen Ecke für Sie decken.«

»Ich werde wohl in Malefis Abbey essen«, sagte Markby.

»Für mich bitte kein Gedeck, Mavis.«

»In Ordnung, Sir«, sagte Mavis, doch dann zögerte sie, das Tablett in den Händen, und blickte Selway fragend an.

»Ja?« Selway hob die buschigen Augenbrauen. Mavis errötete womöglich noch stärker.

»Nichts, Sir. Es ist nur … ich hoffe, Sie fangen diesen Kerl! Sie war so ein harmloses junges Ding, die arme Gillian! Sie könnte nie jemandem etwas zu Leide tun! Es ist wirklich schrecklich, dass ausgerechnet ihr so etwas widerfahren ist! Sie war ein einfaches, altmodisches Mädchen, eine fleißige Person und von Grund auf ehrlich! Molly James wird Mühe haben, sie zu ersetzen – und erst ihre armen Eltern! Sie sind in einem schrecklichen Zustand!«

»Wir tun unser Bestes«, sagte Selway und lächelte sie an. Sein tiefer Bariton und seine kompetente, entspannte Art reichten aus, um sie zu beruhigen. Sie nahm das Tablett und trottete davon. Hawkins spielte mit einem Kugelschreiber auf eine Weise, die für die anderen höchst irritierend war, und murmelte:

»Wahrscheinlich erwartet sie, dass wir den Täter zum Tee festgenagelt haben.«

»Er ist eine Art Künstler, der alte Hardy«, sagte Sergeant Weston unvermittelt. Die anderen sahen ihn fragend an, und eingeschüchtert von den scharfen Blicken dreier ranghöherer Offiziere gleichzeitig lief der glücklose Sergeant puterrot an und sprudelte hervor:

»Ich dachte nur, ich sollte es vielleicht erwähnen.«

»Ganz recht, Gary«, sagte Selway.

»Jede Information hilft! Schenken Sie uns doch noch eine Tasse Kaffee ein.« Während Weston Kaffee in und um die vier Tassen schüttete, fragte Markby:

»Können Sie mir etwas über das Ergebnis der Obduktion mitteilen, oder möchten Sie die Einzelheiten vorläufig lieber für sich behalten?«

»Ich wüsste nicht, was dagegen spricht.« Selway löffelte großzügig Zucker in seine Tasse.

»Es war ein einzelner Messerstich. Eine lange, dünne Klinge, sehr scharf. Kein Küchen- oder Handwerksmesser, eher ein Stilett. Die Art von Waffe, die ein Profi benutzen würde, geführt von jemandem, der genau wusste, was er tat. Das Mädchen wurde von vorn angegriffen; der Stoß ging genau ins Herz. Sie muss auf der Stelle tot gewesen sein. Wir haben keine Waffe am Tatort finden können, daher gehen wir davon aus, dass der Täter sie mitgenommen hat.«

»Und Sie glauben, die Tat steht mit dem anderen Mord in Verbindung, mit Alex Constantine?« Markby blickte von Selway zu Hawkins.

»Alles spielt sich um das Haus herum ab. Meiner Meinung nach suchen wir nur nach einem Täter«, sagte Hawkins düster. Sich überlappende Ermittlungen waren wie ein Minenfeld.

»Obwohl mir rätselhaft ist, warum er das Mädchen umbringen musste. Trotzdem, ich habe von Anfang an vermutet, dass der Täter hier in Lynstone zu suchen ist und nicht in der Stadt.«

»Sie meinen in Chipping Norton, Sir?«, fragte Weston verständnislos.

»In der Stadt!«, bellte Hawkins.

»London! Nicht Chipping Pingpong!« Die beiden einheimischen Beamten starrten den Superintendent beleidigt an, und Weston machte eine kampflustige Miene. Selway klopfte seine zu Ende gerauchte Pfeife aus und stopfte sie gleich wieder aus einem vor ihm auf dem Tisch liegenden Tabaksbeutel. Markby nutzte die Gelegenheit, um sich zu erheben.

»Ich denke, Sie werden mich für eine Weile nicht mehr brauchen. Falls Sie nichts dagegen haben, lasse ich Sie nun allein.«

Vielleicht war es ganz gut, dass Markby nicht hören konnte, was in dem Raum besprochen wurde, den er soeben verlassen hatte.

»Dieser Chief Inspector Markby und seine Freundin scheinen immer in der Nähe zu sein, wenn Leichen auftauchen.« Selway hielt ein Streichholz an den Pfeifenkopf und sog prüfend am Mundstück.

»Was hat er gemacht, als Constantine seinen Fahrschein in die Ewigkeit bekam?«

»Markby? Er hat ein verdammtes Foto von den beiden

Frauen geschossen!«, antwortete Hawkins verbittert.

»Haben Sie es gesehen? Dieses Foto?«

»Noch nicht. Sein Sergeant in Bamford schickt den entwickelten Film hierher zu ihm. Müsste eigentlich in der Zwischenzeit angekommen sein.«

Nach längerem Schweigen, während Selway paffte und Hawkins mit dem Kugelschreiber spielte, sagte Weston schüchtern:

»Eine Frau könnte das Messer benutzt haben.«

»Mrs. Constantine?« Hawkins zog die Oberlippe zu einem wölfischen Grinsen zurück.

»Eine sehr gefährliche Person, wenn Sie mich fragen. Aber sie kann unmöglich an zwei Orten zugleich gewesen sein, was uns wieder zu diesem Foto bringt, das Markby geschossen hat, als Constantine attackiert wurde.«

»Aber sie hat kein Alibi für den Zeitpunkt von Gillian Hardys Ermordung«, erwiderte Weston womöglich noch schüchterner.

»Angeblich hat sie im Arbeitszimmer ihres verstorbenen Mannes Schreibarbeiten erledigt. Doch die Haushälterin war einkaufen, und Chief Inspector Markby und die andere Lady waren spazieren. Sie bürgen gegenseitig für sich. Zu schade, dass niemand sonst sie dort oben auf dem Windmill Hill gesehen hat.«